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Kapitel 6: Die Zeremonie der Unterwerfung

Author: Déesse
last update publish date: 2026-07-14 02:40:45

Lyanna

---

Der große Thronsaal ist nicht wiederzuerkennen.

Ich bleibe auf der Schwelle stehen, den Atem stockend von dem, was ich entdecke. Die Fackeln werfen ein goldenes, tanzendes Licht, das wie flüssige Flammen auf den schwarzen Wandbehängen spielt. Hunderte von weißen Rosen – meine Lieblingsblumen seit meiner Kindheit – schmücken den Altar, die Säulen, die Fenstersimse. Ihr süßer Duft schwebt in der Luft, vermischt mit dem Geruch von Weihrauch und warmem Wachs. Woher weiß er das mit den weißen Rosen? Woher weiß er überhaupt irgendetwas über mich?

Hunderte von Gesichtern wenden sich mir zu. Adlige in Prunkgewändern, Soldaten in Paradeuniformen, Diener, die an den Wänden erstarrt sind. Alle schweigen. Alle sind Zeugen meiner Niederlage. Ihre Blicke lasten auf meiner Haut wie ebenso viele unsichtbare Finger. Manche sind neugierig, andere mitleidig, wieder andere offen feindselig – Isadoras Anhänger zweifellos, die in mir eine Eindringlingin sehen, eine Usurpatorin.

Mein Kleid ist ein Meisterwerk aus weißer Seide, das sich wie eine zweite Haut an meine Kurven schmiegt. Die Näherinnen haben die ganze Nacht gearbeitet, um es anzupassen, haben an den Fäden gezogen, das Mieder enger geschnürt, bis meine Taille winzig erschien, bis mein Busen dargeboten wurde, ohne enthüllt zu sein. Die langen Ärmel fallen in Kaskaden aus Spitze und streifen meine Handgelenke, wenn ich mich bewege. Der Ausschnitt ist sittsam, quadratisch, mit winzigen Perlen eingefasst, aber der Stoff ist so fein, so zart gewebt, dass er die Form meiner Brüste erahnen lässt, wenn ich atme, die Wölbung meiner Brustwarzen, die die Kälte des Saales gegen meinen Willen hart werden lässt. Man hat mich geschmückt wie eine Trophäe. Wie eine Opfergabe. Wie ein freiwilliges Opfer.

Der Schleier, der mein Gesicht bedeckt, ist durchsichtig, ein Dunst aus Tüll, bestickt mit Silberfäden. Durch diesen Schleier ist die Welt verschwommen, unwirklich, aber ich sehe ihn. Am Ende des endlosen Mittelgangs, vor dem in schwarzen Samt gehüllten Altar, wartet er.

Kael.

Der Eiskönig.

Er trägt Schwarz, wie immer. Aber heute Abend ist es nicht das strenge Schwarz der Kriegstage. Es ist ein prunkvolles Schwarz, üppig, durchwirkt mit Silberfäden, die bei jeder seiner Bewegungen aufblitzen wie gefangene Blitze im Stoff. Seine Jacke schmiegt sich um seine breiten Schultern, seine kraftvollen Arme, seine schmale Taille. Sein Umhang fällt in Kaskaden hinter ihm herab, gehalten von einer Brosche in Wolfsform, deren Augen zwei glühende Rubine sind. Sein dunkles Haar, sonst oft nachlässig, ist zurückgekämmt und gibt sein kantiges Gesicht frei, seinen markanten Kiefer, seine hohen Wangenknochen, seine Gewitteraugen, die mich nicht mehr losgelassen haben, seit ich die Türen durchschritten habe.

Er sieht mich an, wie ein Raubtier seine Beute ansieht. Mit Geduld. Mit Gewissheit. Mit einem so intensiven Hunger, dass sich mir der Magen zusammenzieht.

Die Musik erhebt sich. Ein Chor tiefer Stimmen stimmt ein uraltes Lied in einer Sprache an, die ich nicht kenne. Die Worte hallen unter den steinernen Gewölben wider, feierlich, fast bedrohlich. Ein Kriegsgesang, verwandelt in ein Hochzeitslied. Ein Gesang der Eroberung.

Ich gehe.

Ein Schritt nach dem anderen. Meine Satinschuhe klacken auf dem spiegelnd polierten schwarzen Marmor. Mein Schleier schwebt hinter mir, getragen von einem unsichtbaren Luftzug. Meine Hände zittern um den Strauß weißer Rosen, den man mir zwischen die Finger geschoben hat – Rosen aus Valcourt, hat man mir gesagt, jene, die in den Gewächshäusern des Palastes von Kael wachsen. Er hat sie für mich anbauen lassen.

Jeder Schritt ist eine Folter und ein Triumph. Jeder Schritt entfernt mich von meinem früheren Leben, von meiner Freiheit, von Eryk. Jeder Schritt bringt mich diesem Mann näher, der mich zu dieser unmöglichen Wahl gezwungen hat. Und dennoch, unter dem Schrecken, unter der Wut, unter dem Kummer, pulsiert etwas anderes. Eine ungesunde Neugier. Eine beunruhigende Erwartung. Eine Faszination, die ich nicht benennen will.

Mein Herz schlägt so heftig, dass ich sicher bin, die ersten Reihen können es hören. Es hämmert gegen meine Rippen wie eine verzweifelte Faust, und ich weiß, dass er das Pulsieren an meiner Kehle sieht, am Ansatz meines Halses, dort, wo das Blut unter der dünnen Haut schimmert. Sein Blick verweilt dort, und seine Lippen deuten dieses Lächeln an, das keines ist.

Als ich vor ihm ankomme, lächelt er noch immer nicht. Aber seine Augen leuchten. Mit einem Glanz des Triumphes, der Besitzergreifung, von etwas Tieferem, Älterem, Gefährlicherem. Ein Glanz, der sagt: Du bist endlich dort, wo ich dich immer haben wollte.

Ich bleibe einen Schritt vor ihm stehen. Nah genug, um sein Parfüm zu riechen – Zedernholz, Moschus, Amber, ein holziger und warmer Duft, der im Kontrast zur Kälte seines Beinamens steht. Nah genug, um das Detail seiner Brosche zu sehen, die Rubine, die wie Blutstropfen auf dem Fell des silbernen Wolfes funkeln. Nah genug, um die Wärme zu spüren, die von seinem Körper ausgeht, diese Wärme, die mich auf den Stufen des Palastes verbrannt hat, diese Wärme, die nicht zu seiner Legende aus Eis passt.

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