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KAPITEL 2 – DER VERTRAG

Author: Hannah Noble
last update publish date: 2026-06-11 20:56:50

Das Notariat Schreiber und Partner befand sich in einem dieser alten Ravenmoor-Gebäude, die aussahen, als hätten sie beschlossen, für immer zu existieren, egal was die Stadt um sie herum tat. Mara saß in einem Ledersessel, der zu groß für den Raum war, hielt eine Tasse Kaffee, den sie nicht bestellt hatte, und wartete.

Neun Uhr dreißig. Er war zu spät. Das überraschte sie nicht, aber es ärgerte sie dennoch, denn es zeigte, dass er die Regeln noch immer nach eigenem Gutdünken auslegen konnte und niemand ihn daran hinderte. Damian Voss war kein Mensch, dem man sagte, wann er zu erscheinen hatte.

Um neun Uhr achtunddreißig öffnete sich die Tür.

Mara hatte sich vorbereitet. Sie hatte sich heute Morgen eingeredet, dass sieben Jahre ausreichten, um über einen Menschen hinwegzukommen. Dass sie ihn ansehen könnte wie einen Fremden, neutral und ohne Resonanz. Dass das Herz, wenn es einmal gebrochen worden war, an dieser Stelle nicht mehr empfindlich sein konnte, weil Narbengewebe härter war als gesunde Haut.

All das erwies sich als vollständiger Selbstbetrug.

Damian Voss trat ein, und der Raum veränderte sich. Das war die einzige Beschreibung, die Mara zuließ. Er war größer, als sie ihn in Erinnerung gehabt hatte, was eigentlich nicht möglich war, aber es schien so. Breitere Schultern unter einem dunkelgrauen Mantel, der so perfekt geschnitten war, dass er von einem Handwerker und nicht von einer Maschine angefertigt worden sein musste. Sein Haar war etwas kürzer, und sein Gesicht hatte die letzten Reste jugendlicher Wärme verloren und stattdessen etwas gewonnen, das Mara als vollendete Kontrolle beschreiben würde. Er sah aus wie jemand, der entschieden hatte, nie wieder überrascht zu werden.

Dann sah er sie an.

Einen einzigen Moment lang, bevor er seine Miene einschloss wie ein Tresor, sah Mara etwas in diesen anthrazitfarbenen Augen aufblitzen. Sie konnte nicht sagen, was es war. Überraschung nicht, denn er hatte gewusst, dass sie hier sein würde. Keine Freude, zumindest nicht die Art, die er zeigen würde. Vielleicht etwas, das kein gutes Wort hatte.

„Mara." Ihre Name in seinem Mund. Er klang anders als früher. Ruhiger. Kontrollierter. Wie alles an ihm.

„Damian." Sie freute sich über die Gleichmäßigkeit ihrer eigenen Stimme. Jahrelange Übung, wie man Dinge verborgen hielt.

Notar Schreiber, ein kleiner Mann mit runden Brillengläsern, der offensichtlich erleichtert war, dass beide Parteien erschienen waren, bat sie zu seinem Schreibtisch. Mara und Damian setzten sich, zwischen sich den Schreibtisch und genug Luft, um zu atmen, und der Notar begann zu sprechen.

Es war eine juristische Ausführung, die Mara in ihrer Essenz bereits kannte, aber nun in ihrer vollen Komplexität offenbart wurde. Elisa Solis hatte ein versiegeltes Dokument hinterlegt, das laut Testament im Beisein von Mara Solis und Damian Voss persönlich geöffnet werden musste. Bis zur Öffnung und Unterzeichnung einer begleitenden Vereinbarung konnte weder das Anwesen veräußert noch das Erbe vollständig übertragen werden.

„Wie lange kann das dauern?" Maras Frage war sachlich.

„Das Dokument enthält Bedingungen." Notar Schreiber räusperte sich. „Die Bedingungen beinhalten eine gemeinsame Nutzungsperiode des Anwesens von mindestens dreißig Tagen vor der Öffnung. Dies war eine explizite Verfügung Ihrer Mutter."

Stille.

Mara starrte den Notar an. Dann starrte sie auf ihre Hände. Dann, weil sie keine andere Wahl hatte, sah sie zu Damian.

Er sah bereits zurück. Sein Gesicht zeigte nichts.

„Dreißig Tage", sagte sie.

„Die Verfügung ist bindend", bestätigte Schreiber sanft. „Ihre Mutter hat erhebliche Sorgfalt darauf verwendet, diese Bedingung juristisch wasserdicht zu formulieren."

Mara lehnte sich in dem zu großen Sessel zurück. Das Gefühl in ihrer Brust war eine Mischung aus Bewunderung und absolutem Entsetzen. Ihre Mutter hatte das geplant. Elisa Solis, die Frau, die nie ohne Absicht handelte, die nie etwas dem Zufall überließ, hatte ihre Tochter und Damian Voss in einem Raum zusammengeführt und dafür gesorgt, dass sie dreißig Tage lang nicht ausweichen konnten.

„Warum?" Die Frage entwich Mara unbeabsichtigt.

Schreiber öffnete den Mund. Damian kam ihm zuvor.

„Weil deine Mutter der Meinung war, dass wir ein offenes Gespräch führen sollten." Seine Stimme war flach, aber etwas darin war nicht flach. „Ich kannte ihren Willen. Ich habe nicht widersprochen."

Mara wandte sich ihm vollständig zu. „Du wusstest es."

„Ja."

„Und du hast mir nichts gesagt."

„Du hättest das Gespräch verweigert."

Das war so präzise und so rücksichtslos ehrlich, dass Mara für einen Moment die Worte fehlten. Er hatte recht. Natürlich hatte er recht. Wenn sie gewusst hätte, was dieser Notartermin bedeutete, wäre sie nicht erschienen. Sie hätte Ravenmoor sofort wieder verlassen und die juristischen Konsequenzen in Kauf genommen, bis ein Gericht sie gezwungen hätte.

„Du hast mich manipuliert", sagte sie.

„Ich habe dich nicht informiert", korrigierte er. „Das ist ein Unterschied."

„Nicht aus meiner Perspektive."

Schreiber räusperte sich leise. „Ich würde vorschlagen, dass wir zunächst die Unterlagen durchgehen..."

Es dauerte eine Stunde. Mara unterzeichnete, weil sie keine Alternative sah, und jede Unterschrift fühlte sich an wie das Zuschlagen einer Falle, die sie selbst mitgebaut hatte, indem sie sich nicht früher um die Angelegenheiten ihrer Mutter gekümmert hatte. Als sie fertig waren, reichte Schreiber ihr einen Umschlag. Die Schlüssel zum Briefkasten, die Zugangscodes für die Stromversorgung und eine Liste mit notariell bezeugten Inventargegenständen.

Auf der Straße, in dem kalten Oktobermorgen, der endlich aufgehört hatte zu regnen, aber dafür eine Kälte mitgebracht hatte, die kälter war als der Regen, standen sie nebeneinander und schwiegen.

„Ich werde die Ostflügel nicht nutzen", sagte Damian schließlich. „Du kannst das Haus so gestalten, wie du möchtest. Ich werde erscheinen, wenn es juristisch erforderlich ist."

Mara sah ihn an. Er blickte geradeaus, auf die nasse Kopfsteinpflasterstraße, auf die leeren Blumenkästen, auf irgendeinen Punkt, der wichtiger war als sie.

„Großzügig", sagte sie.

Er antwortete nicht. Wandte sich ab, und sein Mantel schwang bei der Bewegung mit dieser Präzision, die alles an ihm ausstrahlte: Kontrolle. Berechnung. Keine Lücken.

Mara sah ihm nach, bis er in dem schwarzen Wagen verschwunden war, der am Straßenrand gewartet hatte. Dann zog sie ihren Mantel fester zusammen und beschloss, dass dreißig Tage eine endliche Zahl waren. Sie hatte sieben Jahre überlebt. Sie würde dreißig Tage überleben.

Was sie nicht wusste, während sie in die entgegengesetzte Richtung die Straße entlangging, war, dass Damian Voss in diesem Wagen saß und die Hände um das Lenkrad schloss, bis seine Knöchel weiß wurden. Dass er nichts gesagt hatte, was er hätte sagen müssen. Dass er sie dreißig Tage lang bei sich haben würde und nicht wusste, ob das genug war, um ihr zu sagen, was er

seit sieben Jahren nicht gesagt hatte.

Oder ob es bereits zu spät dafür war.

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