Mag-log inEin dumpfer Aufprall erschütterte den weißen Stein des Trainingshofs. Jiro flog rückwärts durch die staubige Luft, die Arme schützend vor das Gesicht gerissen, bevor er hart auf dem Marmor schlitterte und reglos liegen blieb.
Das Wasser, das er vor einer Sekunde noch flüssig aus der Luft geformt hatte, klatschte als fader, wirkungsloser Schwall auf den Boden.
„Unpräzise, Jiro“, tönte die Stimme von Kanoniker Taro durch die Symmetrie des Hofes.
Der alte Mann stand unbeweglich am Rand, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Augen starr nach vorn gerichtet. „Du ziehst das Phreem nicht aus dem Atem. Der Einklang fehlt. Setzen.“
Jiro rappelte sich mühsam auf, wischte sich den Staub von der grauen Novizen-Tunika und schlich mit gesenktem Kopf zu Ren an die Wand.
Kael atmete tief durch die Nase ein. Der Hof roch nach aufgewirbeltem Kalk, kaltem Schweiß und dem scharfen, vertrauten Duft von Minze, der von der anderen Seite des Kreises herüberwehte.
Er blickte nicht hin.
Er musste nicht. Er spürte die Kälte, die Ryu umgab, wie eine physische Barriere im Raum.
„Kael. Ryu. Vortreten“, befahl Taro.
Kaels Herz hämmerte schlagartig gegen seine Rippen.
Er trat vor, die nackten Sohlen auf dem aufgeheizten Stein. Als er sich im Zentrum des Kreises umdrehte, stand Ryu bereits da. Unnahbar.
Die tiefblauen Augen fixierten Kaels Stirn, nicht seine Augen, was Kael mehr reizte als jeder offene Spott. Die markante Narbe über Ryus rechtem Auge wirkte im gleißenden Mittagslicht wie ein weißer Strich auf Porzellan.
„Form der ersten Gezeit“, sagte Taro ruhig. „Keine Waffen. Nur das Phreem.“
Ryu sank tiefer in die Knie. Seine Bewegungen besaßen eine fließende, fast arrogante Eleganz, die Kaels Fokus enger zog, als ihm recht war. Das tiefblaue Haar war so straff zurückgebunden, dass es die scharfe, feine Linie seines Kiefers freilegte. Kühle, vollkommen makellose Symmetrie.
Entlang seiner Unterarme begannen die Lumina-Linien zu erwachen. Erst ein mattes Schimmern, dann ein pulsierendes, eisiges Blau.
Die Luft um Ryus Hände herum verdichtete sich; winzige Wassertropfen schälten sich aus der Hitze des Mittags und begannen, wie flüssiges Glas um seine Finger zu kreisen.
Ein vertrautes, gefährliches Reißen spannte sich in Kaels Brust. Seine goldenen Lumina flammten auf.
Zu hell. Zu unkontrolliert.
Die Hitze schoss ihm in die Wangen, und unter seinen Stiefeln begann der raue Stein trocken zu knistern. Ein feiner Dunst von verbranntem Holz stieg von seinen Schultern auf.
Er wollte dieses Brennen bändigen, wollte Taro zeigen, dass er die Aszese beherrschte. Aber Ryus Präsenz staute das Phreem in ihm wie eine Talsperre kurz vor dem Bruch.
Ryu hob das Kinn. Ein winziges, kaum merkliches Zucken seines Mundwinkels. Spott.
Das war der Funke.
Kael stieß sich ab. Der Stein unter seinen Fersen splitterte, als er mit einem Satz die Distanz überwand. Ein hoher, gedrehter Tritt, die Ferse von goldenem Feuer umpeitscht, zielte auf Ryus Schläfe.
Ryu duckte sich, ohne einen Wimpernschlag zu zögern. Das feurige Zischen von Kaels Fuß passierte seine Haare um eine Fingerbreite, ließ die losen, dunkelblauen Strähnen an den Schläfen wild aufwirbeln.
Noch in der Drehung fing Ryu den Schwung ab, leitete die Energie um und stieß beide Handflächen gegen Kaels Rippen. Ein Schwall eiskalten Wassers explodierte aus Ryus Handflächen, traf Kael an der Brust und zischte ohrenbetäubend, als es auf Kaels hitzige Haut traf.
Heißer Dampf hüllte sie beide ein.
Durch den Dampf fixierte Kael diese tiefblauen, arroganten Augen. Er fing den Sturz ab, wirbelte auf den Handflächen herum und feuerte eine Salve von feurigen Fauststößen nach vorn.
Jeder Schlag war ein stummes Aufbegehren gegen die unnahbare Perfektion, mit der Ryu ihn seit Jahren strafte. Zieh endlich blank, forderte das Gold in seinen Adern. Tu nicht so, als wäre ich Luft für dich.
Ryu parierte jeden einzelnen Stoß mit einer fast beleidigenden Leichtigkeit. Seine Handgelenke klatschten hart gegen Kaels Unterarme, Wasser blockte Feuer, Geist konterte Instinkt.
Bei jeder Parade übertrug sich der massive Widerstand von Ryus Phreem, eine eiskalte, unnachgiebige Wand, die Kael mit jedem Aufprall tiefer frustrierte. Ryu war so nah, dass sein gletscherfrischer Atem Kaels Haut streifte.
Kael hörte das verächtliche Schnauben aus dessen Nase und sah für den Bruchteil einer Sekunde das feine Pulsieren der blauen Lumina auf Ryus Schlüsselbeinen, kurz bevor die Kälte von Ryus Vaelen-Form die Hitze seiner eigenen Fäuste erstickte.
Das Eis an Kaels Handgelenk tat weh. Es war kein stumpfer Schmerz, sondern ein stechender, tiefer Reiz, der die gestaute Hitze in seinen Adern wie Nadeln explodieren ließ.
Ein wildes Knistern lief durch seine Lumina. Das Gold auf seiner Haut fraß sich unbarmherzig gegen das eisige Blau von Ryus Linien, fraß sich durch den nassen Stoff von Ryus Ärmel, bis Haut auf nackte Haut traf. Zischen.
Weißer Dunst quoll zwischen ihren Unterarmen hervor.
Kael gab nicht nach. Er nutzte den Hebel, den Ryu an seinem Gelenk angesetzt hatte, warf sein gesamtes Gewicht nach vorn und zwang Ryu einen Schritt zurück.
Ryus Füße schlitterten über den nassen Stein, doch sein Griff lockerte sich nicht um einen Millimeter. Sein Atem kam stoßweise, kühl gegen Kaels erhitzte Wange.
Der Druck in Ryus Fingern war wie eine eiserne Zwinge, eine Demonstration absoluter Dominanz, die Kael das Blut in den Ohren rauschen ließ.
Ryu hielt ihn am Boden und Kaels Wangen glühten vor Demütigung vor den Augen der anderen Novizen.
Sein Gegner verengte die Augen zu Schlitzen, kalt und abschätzig.
Mit einer fließenden Drehung der Hüfte löste er den Griff, duckte sich unter Kaels Arm weg und schlug die offene Handfläche flach gegen dessen Sonnengeflecht.
Kein Schwall Wasser, nur die konzentrierte Wucht des Phreems, die sich wie ein physischer Rammbock in Kaels Eingeweide bohrte.
Kael flog rückwärts. Die Luft entwich seinen Lungen in einem staubigen Keuchen. Er wirbelte in der Luft herum, fing den Sturz mit den Handflächen ab und schlitterte auf den Knien über den rauen Marmor, bis seine Fersen die Kante des inneren Kreises berührten.
Der Dampf um sie herum lichtete sich, wurde vom unbarmherzigen Wind der Zinnen hinweggefegt. Ryu stand bereits wieder in der Ausgangshaltung der Gezeit.
Die Handflächen offen und exakt parallel vor seinem Sonnengeflecht, die Fingerkuppen leicht angewinkelt, während das eiskalte Blau seiner Lumina so schnell erlosch, als wäre es nie da gewesen.
Nur der nasse, leicht verschmorte Stoff an seinem Ärmel verriet, was sich im Nebel abgespielt hatte.
Seine Züge waren wieder aus Stein.
Kalt. Tot.
„Es reicht“, ertönte Taros Stimme.
Der alte Kanoniker hatte sich nicht bewegt, doch seine Hand lag schwer auf dem Knauf seines Gehstocks.
„Ryu – die Form war präzise, aber deine Gezeit hat gezögert. Du hast den Fluss blockiert, als Kaels Hitze den Druck erhöht hat. Warum?“
Ryu senkte den Kopf. Die nassen Haare fielen ihm in die Stirn und verdeckten die Narbe. „Unachtsamkeit, Meister.“
„Stolz“, korrigierte Taro scharf. Seine blinden Augen wandten sich exakt in Kaels Richtung.
„Du weigerst dich, dich auf sein Tempo einzustellen. Und du, Kael. Du verpulverst dein Phreem. Du loderst unkontrolliert nach außen, anstatt die Energie im Kern zu bündeln und kontrolliert fließen zu lassen. Wenn du so weitermachst, brennst du deine eigenen Lumina aus, noch bevor du den Gegner überhaupt erreichst. Für heute ist das Training beendet. Reinigt euch.“
Taro drehte sich um, das monotone Tock-Tock seines Stocks auf dem Marmor spaltete die Stille des Hofes.
Jiro und Ren huschten sofort an Kael vorbei, die Blicke zu Boden gerichtet, bloß weg von der unberechenbaren Hitze, die immer noch in Wellen von Kaels Schultern abstrahlte.
Kael blieb auf den Knien sitzen, die Handflächen flach auf den heißen Stein gepresst.
Das Gold unter seiner Haut verlor an Hitze, während eine brennende Frustration in seinen Muskeln verblieb.
Wieder nicht gereicht. Wieder war er der Unbeherrschte gewesen.
Als er aufsah, war Ryu bereits auf dem Weg zu den inneren Hallen. Er ging aufrecht, die Schultern gestrafft, ohne sich auch nur ein einziges Mal nach dem Verlierer umzusehen.
An der Schwelle zum Schatten des Korridors verharrte Ryu für den Bruchteil einer Sekunde. Seine linke Hand ballte sich langsam zur Faust. Dann verschwand er im Dunkeln.
Das erste Licht des Morgens brachte keine Helligkeit, sondern sickerte als schmutziges Grau durch den Nebel. Ryu stand reglos unter dem verfallenen Dach. Die Kälte des Morgentaus sammelte sich an den rußgeschwärzten Balken, ehe sie in schweren, unregelmäßigen Tropfen auf seine Schultern klatschte und den klammen Stoff seiner Tunika durchnässte. Schlaf war in dieser Nacht ausgeblieben. Jedes Mal, wenn er die Lider geschlossen hatte, verwandelte sich das stille Wasser der Pfützen im Geist zu einem roten Strom. Das Erbe seines Clans weigerte sich, zu ruhen. Die Dunkelheit saß tief in seinen Gelenken, lähmte seine Sehnen wie kriechendes Blei und machte jede Bewegung zu einem zähen Kampf gegen eine unsichtbare Strömung.Neben ihm verzurrte Kael die Riemen seines Packens. Der sonst so ungestüme Rothaarige bewegte sich mit einer unnatürlichen, fast trotzigen Stummheit. Dennoch strömte die lästige Hitze seines Körpers ungebrochen aus und biss sich mit der nasskalten Luft der Lichtung. Ryu
Ein blasser, grauer Streifen des ersten Morgenlichts zeichnete sich auf dem kalten Felsboden ab, als Ryu die Lider hob.Das Laken neben ihm wies bereits wieder die Kälte des umgebenden Steins auf. Kael hatte die Kammer längst verlassen, noch vor dem ersten hohlen Klappern der Heilschalen auf dem Gang. Einzig die zerwühlte Wolldecke und der herbe Dunst von verbranntem Holz auf dem Kissen kündeten von dessen nächtlicher Präsenz. Und eine kriechende, hartnäckige Wärme an Ryus Hals, die sich jedem Frösteln widersetzte. Mit stillem Zorn verbuchte Ryu das verräterische Pochen in seiner Brust als bloßen Tribut der Erschöpfung.Die ätzenden Kräutersalben von Meisterin Lin brannten stundenlang auf seiner Haut. Erst im Zenit der Mittagssonne wich der letzte Rest des gegnerischen Frosts aus seinen Muskeln. Das zerschnittene Fleisch an seiner Flanke schloss sich unter den rituellen Griffen der Heilerin, hinterließ jedoch eine straffe, spannende Taubheit bei jedem Atemzug. Das silberblaue Phree
Das weiße Leinen der frischen Verbände schabte wie Schleifpapier auf der verbrannten Haut seiner Unterarme. Jeder Herzschlag hämmerte mit dumpfem Schmerz gegen seine versengten Handgelenke. Der weiße Marmorboden kühlte seine nackten Sohlen aus, während er vollkommen starr im schattigen Audienzraum der Kanoniker verharrte. Er hielt den Blick geradeaus, die Arme dicht an den Seiten, die Zähne so fest aufeinandergepresst, dass der Schmerz in seinem Kiefer das Dröhnen in den Ohren übertönte. Ein künstlicher, süßlicher Duft nach Jasmin ging von Nogusas makelloser, grauer Seidenrobe aus, als der schlanke Meister aus dem Schatten der Säulen trat. Seine dunklen Augen fixierten den Jungen mit eisiger Präzision.„Die unterirdischen Schleusentore bleiben blockiert, Kael. Du hast die alten Glyphen versengt“, sprach Nogusa trocken. „Ein Krieger der Phalanx führt sein Phreem wie eine feine Nadel. Du dagegen wütetest wie ein Steppenbrand. Der klebrige Ruß deines Ausbruchs verstopft die Zuleitung
Die Hallen der Waffenmeister rochen nach kaltem Eisen, gegerbtem Leder und dem herben Öl, das die Klingen vor Rost schützte. Kael wahrte ein unbewegtes Gesicht, während er die Riemen seines Reisepacks festzurrte. Seine Füße steckten in den brandneuen, unnachgiebigen Stiefeln des Kämmerers, deren steifes Leder sich bei jeder Gewichtsverlagerung schmerzhaft in seine Knöchel grub. Das grobe Leinen schnitt tief in die frisch geschlossenen Wunden seiner Handgelenke, doch er überging den stummen Protest seines Körpers. An seiner Seite verharrte Ryu. Dessen Haltung blieb vollkommen tadellos, das tiefe Blau seines Zopfs exakt auf die Mitte des Rückens ausgerichtet. Das Genie beherrschte die Positionen mit der Gelassenheit eines Spaziergängers im Tempelgarten, weit e
Der Nebel im Tiefland hing wie eine Wand aus warmer, fauliger Wolle zwischen den Stämmen. Ryu regulierte seinen Atemfluss mit mühsamer, fast mechanischer Präzision, doch die feuchte Schwüle des Tals legte sich wie ein schmutziger Film in seine Lungen. Jedes Einatmen schmeckte nach stehendem Sumpf und moderndem Laub. Einzig die trockene, sture Glut in seinem Rücken hielt ihn aufrecht. Kael folgte ihm wie ein stummes, unbeugsames Leuchtfeuer, dessen Hitze sich verbissen gegen die nasse Luft wehrte. Dennoch drückte die blockierte Gezeit in Ryus Inneren schmerzhaft gegen sein Sonnengeflecht. Seit dem Giftangriff in der Schleuse verharrte sein Phreem in zäher Trägheit und gehorchte seinem Willen nur unter Widerstand.Er vermisste die
Der beißende Geruch von verbranntem Leinen, Ruß und kaltem Lagerfeuer füllte Ryus Lunge, noch ehe er die Lider hob.Gleich darauf folgte der Schmerz. Jeder dumpfe Stoß trieb ein eisernes Reißen durch seine linke Flanke. Die Einstichstellen der Tintennadeln brannten wie Glut auf der Haut.Ryu öffnete die Augen. Nass und schwer hing das graue Wolkenmeer von Solis-Vanth um sie herum. Das tiefe Gewölbe lag weit hinter ihnen; stattdessen stiegen sie Stufe um Stufe einen steilen Bergpfad hinauf.Er lag quer über Kaels Rücken. Seine Arme hingen schlaff über den Schultern des anderen Jungen, das Gesicht dicht an dessen rauchgeschwärztem Nacken. Kael beugte den Oberkörper weit nach vorn und hielt Ryus Oberschenkel im festen Griff, um das Gewicht nach oben zu wuchten. Sein Atem ging in einem rauen, pfeifenden Rhythmus.Ryus Blick haftete auf der rissigen Haut an Kaels Hals. Dort, wo die goldenen Lumina-Linien unter dem Fleisch lagen, war die Haut rot und wund – gezeichnet von dem maßlosen Ausbr







