LOGINFünf Jahre lang stellte Evelyn ihre Ehe über alles. Sie stand an Julians Seite, als er noch nichts besaß, gab für ihn ihr früheres Leben auf und glaubte fest daran, dass ihre Liebe jedes Opfer wert war. Doch an ihrem fünften Hochzeitstag wartet sie allein vor einer unberührten Torte, während ihr Mann den Abend mit seiner schönen Sekretärin verbringt. Als Julian diese Frau auch noch mit nach Hause bringt, beginnt Evelyn zum ersten Mal zu hinterfragen, was von ihrer Ehe überhaupt noch übrig ist. Genau in diesem Moment tritt Adrian Walker in ihr Leben: Julians mächtiger, unnahbarer Onkel. Er kennt Evelyns Vergangenheit, ihre wahre Herkunft und Geheimnisse, von denen nicht einmal ihr Ehemann weiß. Und er macht ihr ein Angebot, das sie niemals annehmen dürfte. Eine Ehe auf dem Papier. Eine Verbindung zum gegenseitigen Vorteil. Ohne Gefühle, ohne Erwartungen. Doch Adrian scheint bereits zu wissen, dass Evelyns bisheriges Leben kurz davorsteht, auseinanderzubrechen. Und je mehr Julian sie von sich stößt, desto gefährlicher wird die Versuchung, ausgerechnet bei seinem Onkel noch einmal von vorn anzufangen.
View MoreEvelyn warf erneut einen Blick auf die Uhr.
22:53 Uhr. Sie nahm ihr Handy in die Hand und wählte Julians Nummer. Zum fünften Mal an diesem Abend. Er hatte an einer Gala teilgenommen. Während sie zu Hause auf ihn gewartet hatte, hatte sie einen Teil der Veranstaltung im Fernsehen verfolgt. Sie wünschte, sie hätte es nicht getan. Denn jedes Bild, jeder kurze Ausschnitt zeigte immer wieder dasselbe. Julian, wie er Vanessa vor dem Betreten des roten Teppichs vorsichtig die Halskette zurechtrückte. Julian, wie er ihr sanft eine Hand an den unteren Rücken legte, während sich die Reporter um sie drängten. Julian, wie er sich zu ihr beugte und ihr etwas ins Ohr flüsterte, woraufhin Vanessa leise lachend den Kopf senkte. Die Kameras liebten sie. Im Internet wurden sie bereits als das perfekte Paar bezeichnet. Niemand wusste, dass der Mann, der dort vor aller Augen mit einer anderen Frau strahlte, zu Hause eine Ehefrau hatte, die auf ihn wartete. Evelyn hatte den Fernseher ausgeschaltet. Doch die Bilder wollten einfach nicht aus ihrem Kopf verschwinden. Julian hatte darauf bestanden, dass diese Gala nur geschäftlich sei. Deshalb hatte er seine Sekretärin mitgenommen. Er hatte sogar gesagt, dass Evelyn solche Veranstaltungen ohnehin nicht verstehen würde. Das Freizeichen ertönte in ihrem Ohr. Sie hielt unbewusst den Atem an. Ein Ton folgte dem nächsten. Noch immer nahm niemand ab.Gerade als sie dachte, dass Julian auch dieses Mal nicht rangehen würde, wurde der Anruf plötzlich angenommen.„Julian?“Einen Moment lang sagte niemand etwas.Dann hörte sie seine Stimme.„Eve?“Seine Stimme klang müde, als hätte dieser Abend mehr von ihm gefordert, als er erwartet hatte.Im Hintergrund waren Stimmen zu hören.Jemand weinte leise.Schritte hallten über einen Flur.Dann rollte ein Wagen vorbei.Evelyn setzte sich aufrechter hin.„Wo bist du?“Kurz darauf hörte sie eine Krankenschwester.„Herr Walker, Ihre Krankenhausunterlagen sind fertig.“Evelyn erstarrte.„Julian … bist du im Krankenhaus?“„Ja.“Ihr Herz setzte einen Schlag aus.„Im Krankenhaus?“ Sie sprang sofort auf. Der Stuhl hinter ihr schabte laut über den Boden. „Was ist passiert? Bist du verletzt? Julian, welches Krankenhaus ist es?“„Eve, ich …“Seine Stimme wurde von einem Geräusch im Hintergrund unterbrochen.„Herr Walker.“Julian schwieg kurz.Dann hörte Evelyn, wie er müde ausatmete.„Ich kann gerade nicht lange reden.“Die Angst in ihrer Brust wurde stärker.„Julian, was ist los?“Doch er antwortete nicht direkt.„Ich rufe dich zurück, okay?“„Julian, warte—“Die Verbindung wurde beendet.Evelyn starrte auf ihr Handy.„Nein …“Sie rief sofort erneut an.Diesmal wurde der Anruf angenommen.„Hallo?“Evelyn erstarrte.Diese Stimme kannte sie.„… Wer ist da?“Am anderen Ende herrschte kurz Stille.Dann erklang eine sanfte Stimme.„Oh … Frau Walker. Sie haben meine Stimme doch nicht schon vergessen, oder? Hier ist Vanessa.“Evelyns Finger schlossen sich fester um ihr Handy.„Wo ist Julian?“„Er ist gerade etwas beschäftigt.“„Was ist passiert?“„Es gab einen kleinen Zwischenfall.“Evelyns Herz zog sich zusammen.„Was für einen Zwischenfall?“„Es ist nichts Ernstes.“„Wer ist verletzt worden?“Vanessa antwortete nicht sofort.Diese kurze Pause ließ Evelyns Unruhe noch größer werden.„Ich kann es dir gerade nicht erklären.“Evelyns Stimme wurde angespannter.„Gib Julian das Telefon.“„Es tut mir leid.“„Vanessa.“„Wir sind im Riverside Memorial Hospital.“„Vanessa, warte—“Das Gespräch wurde erneut beendet.Evelyn nahm das Handy langsam vom Ohr.Der Bildschirm wurde schwarz.Sie rief Julian noch einmal an.
Keine Antwort. Noch einmal. Wieder nichts. Ihr Atem wurde unregelmäßig. Sie wusste nicht, wer verletzt worden war. Sie wusste nicht, warum Vanessa das Telefon ihres Mannes abgenommen hatte. Sie wusste nicht, was gerade im Krankenhaus passiert war. Und genau dieses Nichtwissen war schlimmer als jede Wahrheit, die sie sich vorstellen konnte. Sie griff nach ihrer Handtasche auf dem Sofa. Ihre Autoschlüssel lagen darin. Dann blieb sie stehen. Auf dem Esstisch stand die Jubiläumstorte, die sie fast zwei Stunden lang verziert hatte. Fünf kleine Kerzen. Fünf Jahre Ehe. Sie hatte den ganzen Abend auf Julian gewartet. Sie hatte sich vorgestellt, wie er nach Hause kommen, lächeln und sie gemeinsam diesen besonderen Tag feiern würden. Evelyn betrachtete die Torte nur für einen kurzen Moment. Dann flüsterte sie: „Bitte …“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Lass ihn einfach wohlauf sein.“ Sie nahm ihre Tasche und eilte aus dem Haus, ohne sich noch einmal umzusehen. Die Straßen waren fast leer. Trotzdem fuhr Evelyn, als würde jede einzelne Sekunde über etwas Wichtiges entscheiden. Das rote Licht, über das sie fuhr, nahm sie kaum wahr. Ihre Hände umklammerten das Lenkrad so fest, dass ihre verbrannte Handfläche erneut zu schmerzen begann. Sie ignorierte es. Der einzige Gedanke, der ihren Kopf beherrschte, war: Bitte lass ihn nicht verletzt sein. Als sie vor dem Eingang der Notaufnahme parkte, kümmerte sie sich nicht darum, ob ihr Auto richtig stand. Sie stieg aus und rannte hinein. Der Geruch von Desinfektionsmittel schlug ihr sofort entgegen. Krankenschwestern eilten an ihr vorbei. Das Wartezimmer war voller Menschen. Manche weinten. Andere hatten die Hände gefaltet und beteten leise. Evelyns Blick suchte hektisch den Raum ab. Dann sah sie ihn. Julian stand am Empfang und unterschrieb gerade einige Dokumente. Er sah vollkommen unverletzt aus. Die Erleichterung traf sie so plötzlich, dass ihre Augen sofort feucht wurden. „Julian.“ Er blickte auf. Überraschung erschien in seinen Augen. „Eve?“ Sie eilte zu ihm. „Gott sei Dank.“ Ein zittriges Lachen entwich ihr. „Ich dachte schon, dir wäre etwas passiert.“ „Mir geht es gut.“Erst jetzt bemerkte sie Vanessa neben ihm.Eine Krankenschwester wickelte gerade vorsichtig einen kleinen weißen Verband um ihren Zeigefinger.Evelyn sah auf den Verband.Dann auf Julian.Dann wieder auf den Verband.„… Das ist alles?“Julian runzelte die Stirn.„Was meinst du?“„Das ist der Notfall?“Vanessa senkte ihre Hand schnell.„Ich habe mich nur geschnitten, als eines der Champagnergläser zerbrochen ist.“„Der Arzt wollte sicherstellen, dass keine Glassplitter mehr in der Wunde sind“, erklärte Julian.Evelyn betrachtete den winzigen Verband.Dann sah sie wieder Julian an.Für das hier …war sie durch die Stadt gefahren, als würde ihr eigenes Leben davon abhängen.Für das hier …hatte sie geglaubt, ihren Mann verlieren zu können.Julian warf einen Blick auf die Uhr.„Ich sollte Vanessa nach Hause bringen.“Evelyn blinzelte.„Was?“„Sie kann so doch nicht selbst fahren.“Er ging zu Vanessa und half ihr aufzustehen.Sie geriet leicht ins Straucheln.Ohne zu zögern legte Julian einen Arm um ihre Taille.„Ich halte dich fest.“Vanessa lächelte schüchtern.„Danke.“Evelyns Blick wanderte langsam zu ihrer eigenen Hand.Die Brandverletzung auf ihrer Handfläche hatte inzwischen Blasen gebildet.Sie erinnerte sich daran, wie sie den heißen Bräter aus dem Ofen genommen hatte.An den stechenden Schmerz.An den Geruch verbrannter Haut.Sie hatte ihre Hand nur kurz in ein Küchentuch gewickelt und danach weiter die Jubiläumstorte verziert.Sie wollte, dass alles perfekt war, wenn Julian nach Hause kam.Doch er hatte es nicht einmal bemerkt.Julian wandte sich wieder ihr zu.„Du solltest nach Hause gehen.“Nach Hause?Evelyn sah ihn an.Sie suchte in seinem Gesicht nach etwas.Nach einer Erklärung.Nach einem Zeichen, dass er verstand, wie viel Angst sie gerade gehabt hatte.Doch Julian rückte nur Vanessas Handtasche auf seiner Schulter zurecht.Dann fragte Evelyn leise:„Julian …“„Was?“„Weißt du, was heute für ein Tag ist?“Er sah sie verwirrt an.Dann dachte er tatsächlich darüber nach.Mehrere lange Sekunden lang.Schließlich schüttelte er den Kopf.„… Donnerstag?“Das Lächeln auf Evelyns Gesicht verschwand langsam.Ihr Herz zerbrach nicht.Es hörte einfach auf, noch länger zu hoffen.Julian bemerkte die Veränderung in ihrem Gesichtsausdruck.„Eve?“Doch bevor er etwas sagen konnte, blickte Vanessa auf ihren verbundenen Finger.„Er tut immer noch weh.“Julian wandte sich sofort ihr zu. „Ich bringe dich nach Hause.“Dann beugte er sich zu Evelyn und küsste sie sanft auf die Stirn.Ein kurzer Kuss.Ein Kuss aus Gewohnheit.Ohne die Wärme, nach der sie sich gesehnt hatte.„Bis später.“Dann ging er.Seine Hand lag wieder an Vanessas Taille.Keiner von beiden sah zurück.Evelyn blieb allein in der Mitte des Wartebereichs stehen.Die automatischen Türen glitten hinter ihnen zu.Ihr Handy vibrierte.Eine Benachrichtigung erschien auf dem Bildschirm.EILMELDUNG: CEO Julian Walker und seine elegante Sekretärin stehen heute Abend bei der Wohltätigkeitsgala im Rampenlicht. Fans bezeichnen sie bereits als das perfekte Paar der Stadt.Darunter war ein Foto.Julian sah Vanessa mit einem Lächeln an, das Evelyn seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.Ihr Daumen schwebte über dem Bildschirm.Dann, während ihr leise Tränen über die Wangen liefen …löschte sie die Erinnerung an den Jahrestag, die sie für diesen Abend eingestellt hatte.Denn sie war die Einzige gewesen, die daran gedacht hatte.Julians Kopf schnellte zur Tür. Seine Augen weiteten sich, zuerst vor Schock, dann vor etwas, das Panik sein konnte. Er riss sich so abrupt von Vanessa los, dass sie nach vorn stolperte und sich am Rand des Schreibtisches abfangen musste. „Evelyn.“ Ihr Name fiel von seinen Lippen wie eine Frage. Als wäre er sich nicht sicher, ob sie wirklich da war. Sie stand im Türrahmen, wie erstarrt. Die Hände hingen leer an den Seiten. Der Duft seines Aftershaves vermischte sich mit Vanessas Parfüm, mit dem Schweiß dessen, was sie gerade gesehen hatte, und mit dem Geruch seines Lieblingsessens, das jetzt über den Boden verstreut lag. „Evelyn–“ Julian riss die Hose hoch, fummelte am Reißverschluss. Das Hemd hing aus der Hose, war zerknittert und halb aufgeknöpft. Die Haare standen ihm in alle Richtungen. „Lass mich erklären.“ Evelyn sagte nichts. Sie starrte ihn nur an, das Gesicht ausdruckslos, die Augen trocken. Sie hatte Tränen erwartet. Sie hatte erwartet zu schreien, zu weinen, zusammenz
Evelyn fuhr schweigend nach Hause. Ihre Hände zitterten am Lenkrad. Nicht vor Angst. Vor Wut. Was bildete sich dieser Mann eigentlich ein? Adrian Walker. Julians Onkel. Er glaubte, er könnte einfach in ihr Leben treten und ihr erklären, dass ihre Ehe vorbei sei. Er glaubte, er kenne sie. Er glaubte, er kenne Julian. Er wusste überhaupt nichts. Sie parkte vor ihrem Wohnhaus. Einen Moment saß sie noch da und blickte zu den Fenstern hinauf. Ihr Zuhause. Ihr Leben. Das Leben, das sie mit Julian aus dem Nichts aufgebaut hatte. Das würde sie sich von niemandem zerstören lassen. Nicht von Adrian Walker. Von niemandem. Sie stieg aus, ging die Treppe hoch und öffnete die Wohnungstür. Stille. Zu viel Stille. Julian war ohnehin fast nie zu Hause. Immer im Büro. Immer bei der Arbeit. Immer zu beschäftigt für sie. Aber das bedeutete nicht, dass er sie nicht liebte. Das bedeutete nicht, dass ihre Ehe vorbei war. Er musste sich nur erinnern. Daran, wer sie war. Daran, was sie hatten. Dara
Evelyn saß noch immer in Herr Bensons Büro.Die Visitenkarte lag vor ihr auf dem Schreibtisch.Adrian Walker. Julians Onkel.Der Name kam ihr vor wie eine Warnung, deren Bedeutung sie noch nicht verstand. Sie nahm die Karte in die Hand und drehte sie um. Die Rückseite war leer. Dort stand nichts außer seinem Namen.Herr Benson beobachtete sie besorgt.„Miss Evelyn, geht es Ihnen gut? Sie sind ganz blass geworden.“Sie schüttelte den Kopf.„Mir geht es gut. Ich …“Evelyn brach ab. Sie wusste selbst nicht, wie sie den Satz beenden sollte.Schließlich stand sie auf und steckte die Visitenkarte in ihre Handtasche.„Danke für alles, Herr Benson.“Er lächelte sie warm an.„Immer, Miss Evelyn. Immer.“Evelyn verließ das Juwelierhaus. Draußen erschien ihr das Sonnenlicht viel zu grell. Sie kniff die Augen zusammen und ging zu ihrem Auto. Ihre Hand hatte den Türgriff beinahe erreicht, als ihr Handy klingelte.Unbekannte Nummer.Sie wollte den Anruf bereits wegdrücken, doch etwas hielt sie davon
Evelyn konnte nicht aufhören, an den Anruf zu denken.Sie saß noch immer auf dem Sofa und hielt das Handy in der Hand. Herr Bensons Worte gingen ihr nicht aus dem Kopf.„Es geht um einen Mann, der weiß, dass die Halskette Ihnen gehört.“Wer war dieser Mann? Wie hatte er von der Kette erfahren? Und woher wusste er, dass sie Evelyn gehörte?Sie starrte auf die gegenüberliegende Wand. Im Haus war es vollkommen still. Julian war fort, Vanessa ebenfalls. Evelyn war allein mit ihren Gedanken.Schließlich stand sie auf, ging nach oben und öffnete ihren Kleiderschrank. Lange betrachtete sie die Kleidungsstücke vor sich.Seit fünf Jahren war sie nicht mehr im Juwelierhaus gewesen. Fünf Jahre lang hatte sie diesen Teil ihres Lebens verdrängt.Sie entschied sich für ein schlichtes blaues Kleid, bequem und unauffällig, und zog sich rasch um. Auf Make-up und Schmuck verzichtete sie.Unten nahm sie ihre Schlüssel. An der Haustür blieb sie noch einmal stehen und blickte zurück. Der leere Esstisch, d

















