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5. Trennung

Author: Prisca H.
last update publish date: 2026-05-02 03:44:12

Die Traurigkeit

Ist eine blaue Blume

Sie wächst uns allen mitten aus dem Herz

Wenn wir noch Kinder sind

Durchbricht sie schon die Krume

Blüht kalt und stechend schön

Bei jedem Schmerz

In meinen aller dunkelsten Momenten

War sie oft das Letzte

Was mir blieb

Doch denk daran

Dass sogar diese Blume

Nicht ewig blüht

Und sich auch wieder schließt

Eine Woche war vergangen, seit dieser komischen Einbildung an meinem Fenster, kurz bevor ich schlafen gegangen war. Jasper war zum Glück ruhig geblieben und ich war die letzten Wochen wieder öfter joggen gewesen.

Allerdings eine andere Strecke.

Ich hatte das Gefühl, dass ich trotz meiner Albträume, vor Kraft nur so strotzen.

Woran das lag?

Ich hatte keine Ahnung. Ich hatte gestern meine Kündigung geschrieben und beschlossen, sie heute persönlich anzugeben. Allerdings erst gegen Abends, da ich wusste, dass Ryan selbst auch ein Langschläfer war und niemals früh Morgens schon arbeitete. Das war der Vorteil, wenn man Besitzer einer Bar war. Ryan würde wahrscheinlich die Augen ausfallen aber ganz ehrlich, bis die Bar wieder aufgebaut und bereit für Kunden war, dauerte es noch. Er hatte doch schließlich blendende Unterstützung von einer Badenixe, die zufällig in der Badewanne meines eigentlich „treuen" Freundes schwimmen war. Jedenfalls war es in der nächsten Zeit ein ziemlich unsicherer Job, wie gesagt. Ich hatte zwar noch Geld in meiner Wohnung, nämlich in einem kleinen Versteck, unter der Diele aber da ich mir in letzter Zeit ziemlich viel gegönnt hatte, besonders an bestelltem Essen und natürlich meinem neuen Auto, wurde es langsam aber sicher knapp. Ich hatte noch etwas auf meinem Konto aber ein neuer Job wäre trotzdem gut. Das Auto war es mir wert gewesen. Ich hatte Jahre davon geträumt, auch schon als Kind. Ich war nie ein Mädchen welches mit Puppen spielte oder sich schminken wollte. Ich entschied mich also dazu Abends loszulaufen. Vielleicht könnte ich es mit meiner täglichen Sportrunde verbinden. Hoffentlich würde mir niemand über den Weg laufen. Sei es Cassidy oder Jasper. Allein der Gedanke an die beiden, ließ mich fast aufs Klo rennen.

Ich vertrödelte meinen Tag damit, meine Wohnung auszumisten. Ich sortierte Kleidung aus, die ich nie trug und legte sie in Kartons. Schließlich quoll mein ganzer Schrank über und jemand anderes würde sich vielleicht darüber freuen. Ich fand allerlei Zeug in meinem Schrank, welches ich seit Jahren nicht mehr getragen hatte.

Weg damit!

Nachdem ich gefühlt zwei Drittel meines Schrankes aussortiert hatte, ging ich meine gesamte Wohnung durch. Ich machte mich auf die Suche nach Dingen, die ich einfach nicht mehr brauchte oder nie nutzte. Meine Kleidung brachte ich gleich zu einem Kleidercontainer und als ich zurück in meiner Wohnung war, begann ich mit einem Wohnungsputz. Ich hatte nicht viel Deko oder Dinge, die mir wichtig waren, zum Beispiel Bilder aus meiner Kindheit. Das hatte alles meine Mom und selbst sie hatte nicht viel. Mein "Dad" hatte sie vor meiner Geburt verlassen also ersetzen wir den Begriff "Dad" doch lieber durch "biologischen Erzeuger". Das klang besser und traf auch viel mehr auf ihn zu. Ich kannte ihn also nicht einmal und war darüber auch froh. Meine Mom hatte es auch alleine mit mir geschafft. Erst als ich ausgezogen war, hier in diese Wohnung, hatte sie angefangen jemanden zu daten. Vielleicht hatte sie einiges nachzuholen.

Naja, solange sie glücklich war.

Inzwischen wurde es draußen langsam dunkler und ich hatte gerade meine Wohnung fertig geputzt. Nach einer schnellen Dusche zog ich mich an. Von meiner wenigen Kleidung, die ich jetzt noch hatte, entschied ich mich für eine eng anliegende schwarze Jeans und ein Henleyshirt. Ich holte die Kündigung von meinem Küchentisch und schlüpfte in eine kuschlige Jacke. Noch schnell Schuhe anziehen und ich wäre fertig. Ich schaute meine kleine Schuhsammlung an und zog meine Dr. Martens an. Anfangs hatte ich von diesen Blasen an meinen Füßen bekommen aber inzwischen hatte ich sie schon länger und sie waren eingelaufen. Ich lief die Strecke zum Amethyst und zog mir meine Jacke dicht ins Gesicht. Es wurde immer kälter draußen und bald kam der Winter. Der Winter war meine Lieblingsjahreszeit. Erstens hatte ich Geburtstag und Zweitens, war es mir im Sommer schlichtweg zu heiß. Mehr gab es dazu nicht zu sagen.

Ich erreichte in schnellen Schritten das Amethyst und war erstaunt, dass ich doch länger gebraucht hatte als gedacht. Es war schon kurz nach acht Uhr, als ich die Tür aufstieß und mich die Wärme umschloss. Ich zitterte durch diesen Temperaturwechsel und ging ein paar Schritte hinein. Es gab am Eingang eine Art Windfang. Durch einen schweren Vorhang kam man dann in den Hauptteil der Bar. Ich schaute mich erst einmal um und war erstaunt darüber, wie es hier aussah. Seit meinem letzten Besuch, der jetzt schon ein paar Wochen her war, hatte sich einiges verändert.

Ein Wunder.

Ryan hielt sich also ran. Scheinbar sah er sonst das Geld durch seine Finger rinnen, welches er durch nicht zahlende Kunden verlor. Kaputte Stühle und zertrümmerte Tische waren nicht mehr zu sehen. Auch die Bar sah besser aus, sie war zwar leer und nicht gefüllt aber wenigstens wieder aufgebaut worden. Neuer und erstaunlicherweise schöner als zuvor. Anders war es auch nicht möglich. Wobei ich mir auch vorstellen könnte, dass der geizige Ryan lieber die Pistolenlöcher mit Kaugummi's verklebt hätte, als soviel Geld auszugeben. Ich lief weiter in die Richtung der Toiletten und sah, dass auch die Türe ins Büro ersetzt worden war.

Nicht schlecht Ryan.

Wer hat dir denn so fleißig geholfen?

Ich blickte um die Ecke um ins Büro sehen zu können und sah auf dem Schreibtisch, der anscheinend heil geblieben war, einen riesigen Haufen Papier. Bestimmt alles nur Rechnungen.

„Klopf, klopf ist jemand da?", fragte ich und wartete, ob der Papierhaufen mir wohl antworten würde.

Ich hörte ein Rascheln und sah schließlich wie ein Kopf über das Chaos zu mir blickte.

„Ja wen haben wir denn da?", fragte Ryan.

Er machte sich die Mühe, stand auf und kam um den Schreibtisch herum, um auf mich zu zugehen. Ich hatte meine Kündigung griffbereit in der Hand, als er vor mir stand und mich erst einmal fest an sich drückte.

„Kayla, schön dich zu sehen und wie wunderbar, dass dir in diesem Chaos nichts passiert ist", sagte er.

Was hatten nur alle mit ihren Umarmungen?

Ich trat einen Schritt zurück, um einen notwendigen Abstand einzuhalten und schaute mich im Büro um. Ich war mittlerweile sehr empfindlich, was Berührungen anging aber das sollte mich nicht mehr wundern.

„Anscheinend hast du ja schon einiges geschafft, ganz ohne meine Hilfe", erklärte ich.

Umso mehr fiel mir ein Stein vom Herzen, da ich wusste, dass meine Kündigung nicht ein allzu großer Verlust wäre.

„In spätestens zwei Wochen kann ich hier schon wieder aufmachen", jubelte Ryan und ich sah wie seine Augen aufleuchteten.

Wenn er wüsste, dass ich gesehen hatte, wer hier alles durchwühlt und zerstört hatte...

Aber was er nicht weiß, macht ihn bekanntlich nicht heiß. Was die zwei Typen allerdings von ihm wollten, hätte ich schon gerne gewusst aber man kann nicht alles haben. Besonders nach den letzten Wochen erwartete ich nichts mehr. Ryan drehte sich um, setzte sich auf die durchgelegte Couch und sah mich zuversichtlich an.

Ohne, was kam jetzt?

„Weißt du Kayla, vielleicht war dieser Einbruch Schicksal. Was meinst du, was ich alles für Geld machen kann, jetzt nachdem die Bar bald wieder aufgebaut ist. Besser und schöner als zuvor!" Innerlich verdrehte ich die Augen.

Geld, Geld und nochmals Geld.

Stellt euch Ryan einfach mit Dollar Scheinen in den Augen vor. Er klatschte in die Hände und klopfte auf den Platz neben sich. Wohl eine Aufforderung für mich, damit ich mich zu ihm setzte. Eigentlich wollte ich nur die Kündigung abgeben und wieder verschwinden aber ganz so einfach schien er es mir nicht machen zu wollen.

Er hatte den großen Umschlag in meiner Hand doch übersehen. Ich tat ihm also den Gefallen und setzte mich zu ihm auf die kleine Couch.

„Kayla, es wird wieder richtig gut laufen hier, das weißt du doch, oder?", fragte er mich.

Und los geht's.

„Weißt du Ryan, ich freu mich sehr für dich aber ich bin nur gekommen um etwas für dich abzugeben", erklärte ich und streckte ihm den Umschlag entgegen.

Er runzelte die Stirn und schaute nach unten auf meine Hände. Vor lauter Gerede über die Wiedereröffnung und das Geld, hatte er also wirklich nicht mitbekommen, dass ich etwas in meinen Händen hielt. Zögerlich nahm er ihn mir aus den Händen und öffnete ihn. Ich hatte ihn nicht mal zugeklebt. Er laß, was ich geschrieben hatte und relativ schnell konnte ich seinen Gesichtsausdruck deuten.

Unglaube und Skepsis.

Geschockt sah er zu mir auf. "Was soll das?!", fragte er schockiert.

„Ich brauche dich für die nächsten Monate! So schnell finde ich niemals einen Ersatz", plapperte er weiter und hörte nicht auf zu reden.

„Du wirst das schon ohne mich schaffen, dass glaube ich ganz sicher, außerdem hast du ja noch Cassidy", versuchte ich überzeugend zu klingen, was mir maximal misslang.

Kein Wunder.

Alleine ihren Namen über meine Zunge rollen zu lassen, verschaffte mir Stressbläschen im Mund. Ich wollte schon aufstehen, mich verabschieden und mich eventuell auch mal für die guten Zeiten bedanken, als er meine Hände nahm und mich verzweifelt ansah.

„Kayla, wenn es dir um eine Gehaltserhöhung geht, musst du es nur sagen. Für die nächsten Wochen wird das schwer aber wenn es erstmal wieder laufen wird, können wir nochmal sprechen", versuchte er mich zu überzeugen.

Seine Augen blinzelten mich an und er setzte seinen Hundeblick auf.

Nicht mit mir.

„Nein, danke Ryan. Ich bin wirklich nur gekommen, um die Kündigung abzugeben".

Er merkte, dass ich es ernst meinte und versteifte sich auf der Couch. Er ließ seinen Kopf hängen und holte tief Luft.

„In Ordnung Kayla aber falls du es dir doch nochmal anders überlegst, bist du hier jederzeit willkommen!", sagte er und stand auf.

„Verlass dich nicht darauf", meinte ich mit einem Lächeln auf den Lippen und drehte mich um, um zu gehen.

„Komm Kayla, lass uns noch einen trinken", schlug Ryan vor.

Ich warf einen Blick auf die Uhr und sah, dass ich schon über eine Stunde hier war. Nach kurzer Überlegung beschloss ich, dass ein Drink nicht schaden würde. Ich hatte zu Hause nichts vor und so könnte ich meinen schlechten Träumen noch etwas entfliehen.

„Na gut, du hast mich überzeugt", sagte ich und setzte mich zurück auf die Couch.

Ryan verschwand hinter seinem Schreibtisch und ich sah, wie er eine Schublade öffnete. Ich hörte es klirren und kurz darauf stand er mit einer Flasche Whiskey und zwei Gläsern vor mir. Eine weitere Stunde und ein paar Gespräche später, über seine zukünftigen Pläne beschloss ich, dass es nun Zeit war zu gehen. Ich hatte mein Glas ausgetrunken und verabschiedete mich. "Machs gut Ryan!", sagte ich und verließ das Büro. "Melde dich Kayla!" rief er mir noch und ich lief nach draußen auf die kühle Straße.

Schön, dass wenigstens diese "Trennung" gut verlaufen war.

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