LOGINOhne das heilige Mondsichelmal geboren, das sie als würdig ausweist, hat Liesel ein Leben im Schatten und in Verachtung im eigenen Vaterhaus ertragen. Doch als der rücksichtslose Erbe Viktor Sturmherz eintrifft, um Isolde als seine Zuchtluna zu beanspruchen, entzündet ein einziger gestohlener Blick eine unmögliche, uralte Bindung. Eine Nacht roher, verzweifelter Leidenschaft, ein verbotenes Mal und ein tödliches Duell im Morgengrauen zwingen Liesel zur Entscheidung: die Schwester schützen, die ihr einst Güte zeigte, oder sich dem brutalen Alpha hingeben, der nur die unmarkierte Frau begehrt, die der Mond heimlich auserwählt hat.
View MoreIn den kalten Hallen des alten Rudelhauses, hoch oben in den schneebedeckten Bergen des Nordens, wo der Wind wie ein hungriges Tier heulte, lebte Liesel als Unsichtbare. Sie war die Bastardtochter des mächtigen Alphas, geboren aus einer verbotenen Nacht mit einer menschlichen Frau, die längst vergessen war. Kein heiliges Mondsichelmal zierte ihre Haut, jenes silberne Zeichen, das allein die Würdigen auswies, die vom Mond selbst auserwählt wurden. Ohne dieses Mal war sie nichts. Keine Wölfin. Keine Schwester. Nur eine Dienerin in ihrem eigenen Vaterhaus.
Ihr Vater, der eiserne Rudolf von Schattenfels, hatte sie nie wirklich angesehen. Seine Augen, hart wie Granit, glitten immer über sie hinweg, als wäre sie ein Fleck auf dem Steinboden. Stattdessen ruhte all seine Aufmerksamkeit auf seiner legitimen Tochter, der strahlenden Isolde. Isolde trug das Mal stolz auf ihrer linken Schulter, eine perfekte, leuchtende Sichel, die im Mondlicht silbern glühte. Sie war schön, mit Haaren wie gesponnenes Gold und Augen so blau wie der Winterhimmel. Das Rudel flüsterte schon seit Jahren, dass sie die zukünftige Luna werden würde, die Gefährtin des nächsten Alphas, die das Blut der Schattenfels-Linie rein und stark halten würde.
Liesel polierte an diesem Abend die silbernen Kelche in der großen Halle, wie sie es jeden Abend tat. Ihre Hände waren rot und rau von der Arbeit, die Nägel abgebrochen. Sie trug ein einfaches graues Kleid, das schon bessere Tage gesehen hatte, und ihr dunkles Haar fiel in unordentlichen Strähnen über ihren Rücken. Niemand sprach mit ihr, außer wenn Befehle gegeben wurden. „Beeil dich, Mädchen“, knurrte eine der älteren Wölfinnen manchmal. „Der Mond steigt bald, und wir wollen nicht warten.“
Der Mond. Immer der Mond. Er bestimmte alles in diesem Leben. Wann sie heulten, wann sie jagten, wann die Paarungszeremonien stattfanden. Liesel hasste ihn insgeheim, denn er hatte sie nie berührt. Kein Funke. Keine Verwandlung. Nur Stille in ihrer Brust, wo bei anderen das wilde Lied des Rudels ertönte.
Heute jedoch war etwas anders. Die Luft knisterte vor Spannung. Die großen Türen zur Halle standen offen, und der Wind trug den Geruch von Kiefern und frischem Schnee herein. Das Rudel versammelte sich. Liesel hörte das tiefe Murmeln vieler Stimmen, das leise Knurren der jungen Wölfe, die sich in Erwartung balgten. Der Erbe war zurückgekehrt. Viktor Sturmherz, der zukünftige Alpha, der Sohn des alten Verbündeten aus dem Sturmherz-Rudel. Der Mann, den alle fürchteten und verehrten. Gerüchte über ihn kursierten wie Schatten: kalt, gnadenlos, ein Jäger, der seine Beute nie entkommen ließ. Man sagte, seine Augen seien grau wie ein Gewitterhimmel kurz vor dem Blitzschlag.
Liesel wollte nicht lauschen. Sie wusste, dass es gefährlich war. Doch als sie die Kelche zurück in die Vitrine stellen wollte, fiel ihr Blick auf die halb geöffnete Tür zum Ratssaal. Stimmen drangen heraus, tief und ernst.
„...sie wird die perfekte Luna abgeben“, sagte ihr Vater gerade. „Isolde ist stark, gehorsam, und das Mal beweist, dass der Mond sie segnet. Die Paarung mit Viktor wird unsere Rudel für Generationen vereinen.“
Eine andere Stimme, tief und rau wie rollender Donner, antwortete. „Dann ist es beschlossen. Ich nehme sie. Ich werde sie schwängern, die Zeremonie vollziehen und danach... nun, das Rudel braucht Erben, nicht Gefühle.“
Liesel erstarrte. Die Worte schnitten wie Messer durch die Luft. Sie kannte diese Stimme nicht persönlich, doch sie wusste sofort, wem sie gehörte. Viktor. Der Erbe. Der zukünftige Alpha, der soeben ihre Halbschwester wie ein Zuchtstück behandelt hatte.
Ihr Herz hämmerte. Isolde hatte ihr immer Güte gezeigt. In stillen Momenten, wenn niemand zusah, hatte sie Liesel Brot zugesteckt, ihr ein warmes Tuch gegeben, wenn der Winter besonders biss. „Du bist auch meine Schwester“, hatte Isolde einmal geflüstert, als sie beide noch Kinder waren. „Das Mal ändert nichts daran.“ Es war das Einzige, was Liesel je an Wärme besessen hatte.
Und nun wollte dieser Mann sie nehmen, benutzen und wegwerfen? Liesel spürte eine Welle aus Zorn in sich aufsteigen, heiß und fremd. Sie, die niemals zornig wurde, die gelernt hatte, den Kopf zu senken und zu schweigen. Doch diesmal war es anders. Diesmal ging es um Isolde.
Leise schlich sie näher an die Tür heran. Ihr Atem ging flach. Durch den Spalt sah sie die hohen Gestalten der Alphas. Ihr Vater stand breitbeinig da, die Arme verschränkt. Neben ihm ein Mann, der alle anderen überragte. Viktor Sturmherz. Breite Schultern, schwarzes Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel, und diese Augen... sturmgrau, kalt und durchdringend. Er trug einen dunklen Mantel aus Wolfspelz, und an seinem Gürtel hing ein Dolch mit einem Griff aus Knochen.
„Die Zeremonie findet in drei Nächten statt“, sagte Viktor ruhig. „Ich werde Isolde in mein Bett nehmen, sie markieren und schwängern. Danach kehre ich in mein Rudel zurück. Die Verbindung bleibt bestehen, aber ich brauche keine Luna an meiner Seite. Nur einen Erben.“
Rudolf nickte zufrieden. „So sei es. Das Bündnis ist wichtiger als alles andere.“
Liesel biss sich auf die Lippe, bis sie Blut schmeckte. Sie wollte schreien, wollte hineinrennen und Isolde warnen. Doch bevor sie sich bewegen konnte, hob Viktor plötzlich den Kopf. Als hätte er etwas gewittert. Seine Nasenflügel bebten. Langsam drehte er sich um.
Ihre Blicke trafen sich durch den schmalen Spalt der Tür.
Die Welt schien stillzustehen.
Liesel konnte sich nicht rühren. Diese Augen... sie waren nicht nur grau. Sie waren lebendig, wild, als ob ein Sturm darin tobte. Etwas in ihrem Inneren regte sich, etwas, das sie nie zuvor gespürt hatte. Ein Ziehen, tief in ihrer Brust, wie eine unsichtbare Schnur, die straff gezogen wurde. Ihr Atem stockte. Ihr Herz schlug so laut, dass sie sicher war, er konnte es hören.
Viktor blinzelte nicht. Er starrte sie an, als sähe er sie zum ersten Mal. Als wäre sie nicht die unsichtbare Dienerin, sondern etwas... anderes. Etwas, das er wollte.
Dann, ganz langsam, verzog sich sein Mund zu einem Lächeln. Kein freundliches Lächeln. Ein gefährliches, hungriges Lächeln.
Liesel wich zurück, stolperte fast über ihre eigenen Füße. Sie floh den Gang hinunter, das Herz in der Kehle. Ihre Schritte hallten auf dem Steinboden. Sie rannte in die Küche, in den kleinen Verschlag, der ihr als Kammer diente, und schloss die Tür hinter sich. Dort sank sie auf den Boden, die Knie an die Brust gezogen.
Was war das gewesen? Dieses Gefühl... es konnte nicht sein. Sie trug kein Mal. Sie war keine Wölfin. Sie war nichts. Und doch... dieses Ziehen. Diese Hitze. Als hätte der Mond selbst sie endlich berührt.
Sie legte die Hand auf ihre Brust. Darunter pochte etwas Neues. Etwas Wildes. Etwas Verbotenes.
Die Nacht war noch jung, und der Mond stieg höher. Liesel wusste, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor. Viktor Sturmherz hatte sie gesehen. Und er hatte sie gewollt.
Am nächsten Morgen wurde das Rudel für die Vorbereitungen der Zeremonie geweckt. Diener rannten umher, trugen Felle, Blumen aus dem Tal, silberne Krüge mit Mondwein. Isolde wurde in die Bäder gebracht, wo die Frauen sie salbten und kämmten. Liesel wurde befohlen, die Wäsche zu waschen, doch ihre Hände zitterten so sehr, dass sie die Seife fallen ließ.
Isolde fand sie später am Brunnen, wo Liesel Wasser schöpfte. Die schöne Schwester sah aus wie eine Göttin in ihrem weißen Gewand, das Haar frisch geflochten mit silbernen Bändern.
„Liesel“, sagte Isolde leise und legte ihr eine Hand auf den Arm. „Warum siehst du so blass aus? Hast du nicht geschlafen?“
Liesel wollte alles erzählen. Die Worte lagen ihr auf der Zunge. Doch sie brachte sie nicht heraus. Stattdessen schüttelte sie nur den Kopf. „Es ist nichts. Nur... der Winter.“
Isolde lächelte traurig. „Bald ist alles anders. Wenn ich Lunas Gefährtin werde, werde ich dich mitnehmen. Du wirst nicht mehr dienen müssen. Ich verspreche es.“
Liesel schluckte schwer. „Und wenn er dich nicht will? Wenn er... dich nur benutzt?“
Isolde runzelte die Stirn. „Viktor ist ein Alpha. Er tut, was für das Rudel gut ist. Ich bin bereit dafür.“
Liesel wandte den Blick ab. Sie konnte Isolde nicht sagen, was sie gehört hatte. Nicht jetzt. Aber sie schwor sich im Stillen: Sie würde Isolde schützen. Egal wie. Selbst wenn es bedeutete, sich dem Monster entgegenzustellen, das sie in der Nacht angesehen hatte.
Der Tag verging in hektischer Geschäftigkeit. Als die Sonne unterging, versammelte sich das Rudel im großen Kreis vor dem Haus. Fackeln loderten, und der Geruch von brennendem Holz und Harz hing schwer in der Luft. Der alte Schamane begann mit den Gebeten an den Mond.
Liesel stand am Rand, unsichtbar wie immer. Doch sie spürte ihn. Viktor. Er stand in der Mitte, groß und bedrohlich, die Augen suchend über die Menge gleitend.
Dann fand er sie wieder.
Diesmal wich er ihrem Blick nicht aus. Stattdessen hob er ganz leicht das Kinn, als wollte er sagen: Ich sehe dich. Und du gehörst mir.
Liesel spürte, wie ihre Knie weich wurden. Das Ziehen in ihrer Brust wurde stärker, fast schmerzhaft. Es war unmöglich. Verboten. Und doch... real.
In dieser Nacht, als das Rudel heulte und der Mond voll und rund am Himmel stand, wusste Liesel, dass der wahre Kampf erst begann. Nicht zwischen Rudeln. Nicht zwischen Alphas.
Sondern zwischen ihr, dem unmarked Mädchen, und dem brutalen Erben, der sie niemals hätte wollen dürfen.
Der Wind heulte lauter. Der Mond schien heller.
Und tief in Liesel erwachte etwas, das lange geschlafen hatte.
Etwas Gefährliches.
Etwas Wölfisches.
„Ich habe den Riss im Himmel gesehen. Ich wusste, dass er mich holen würde. Und ich bin freiwillig gegangen. Nicht weil ich mutig war. Sondern weil ich Angst hatte zu bleiben. Angst, dass ihr mich nicht mehr wollt, wenn ihr wisst, was ich wirklich bin. Was der Mond in mich gelegt hat.“Sie hob die Hände.Silbernes Licht floss zwischen ihren Fingern hindurch.„Ich bin kein Kind mehr. Ich war nie ein Kind. Ich war eine Waffe. Und ich habe mich selbst abgefeuert, damit ihr sicher seid.“Das Loch kam zurück. Gierig.Selene lächelte traurig.„Aber ich will zurück. Ich will wieder Kind sein. Nur für einen Moment. Nur um zu spüren, wie es ist, wenn Papa mich hochhebt und Mama mir sagt, dass alles gut wird.“Viktor stand auf. Ging zu ihr. Hob sie hoch.Genau wie früher.Selene legte den Kopf an seine Schulter.„Ich habe euch vermisst.“„Ich dich auch, Kleines.“Aethera trat vor.Ihre Stimme war kalt.„Ich habe nichts zu beichten. Ich habe nichts bereut. Ich habe nur beobachtet. Und gewartet.
Viktor erwachte mit dem Geschmack von Blut im Mund. Nicht frisch. Nicht alt. Sondern ewig. Als hätte er sich selbst in die Zunge gebissen, während er schlief, und der Schmerz war nie wieder weggegangen.Er lag auf dem Rücken. Der Himmel über ihm war nicht mehr ganz weiß. Er hatte Risse bekommen. Feine, gezackte Linien aus dunklem Violett und stumpfem Gold sickerten durch, als würde jemand mit einem stumpfen Messer die Membran aufschneiden, die das Weiß von der alten Welt trennte. Der Wind roch nach verbranntem Fell und nach etwas Schärferem, Metallischem, das er lange nicht mehr gerochen hatte: nach Entschlossenheit.Neben ihm lag Liesel. Ihre Brust hob und senkte sich in flachen, schnellen Atemzügen. Ihre Finger krallten sich in das Gras, das inzwischen gewachsen war, aber nicht grün. Es war silbergrau, fast metallisch, und schnitt in die Haut, wenn man zu fest zupackte. Blut tropfte von ihrer Handfläche in die Erde. Die Tropfen versanken sofort, ohne einen Fleck zu hinterlassen.Sel
„Ich will die Unruhe. Den Schmerz. Den Kuss, der blutet. Den Blick, der verbrennt. Ich will die Nächte, in denen sie schreit und ich nicht helfen kann. Ich will die Morgen, in denen sie lächelt und alles wieder gut ist. Ich will das Chaos der Liebe. Nicht den Frieden ohne sie.“Das Weiß im See wurde dunkler.Nicht schwarz.Nur weniger weiß.Ein Hauch von Grau.Ein Hauch von Braun.Ein Funke Gold.„Dann wähle neu“, sagte das Spiegelbild.Viktor öffnete die Augen.„Ich wähle zurück.“„Es gibt kein Zurück.“„Dann wähle ich vorwärts. Aber mit Farbe. Mit Lärm. Mit Blut. Mit allem, was wehtut und lebendig macht.“Das Spiegelbild lächelte wieder.Diesmal traurig.„Du verstehst es noch nicht.“„Ich verstehe genug.“Er streckte die Hand aus.Berührte die Oberfläche des Sees.Sie war warm.Nicht kalt.Nicht tot.Lebendig.Die Bilder im See zerflossen.Stattdessen stieg etwas auf.Eine Gestalt.Liesel.Nicht weiß.Nicht porzellan.Ihre Haut war warm.Ihre Augen braun.Mit goldenen Sprenkeln.Sie
Die Welt war nicht fort.Sie war nur anders geworden.Viktor spürte den Übergang nicht als Schmerz, nicht als Fall, nicht einmal als Verlust. Es war eher so, als würde jemand eine Decke aus schwerem Samt über die gesamte Existenz ziehen. Alles wurde weich. Alles wurde still. Und doch blieb ein Nachhall, ein winziger Puls, der sagte: Du bist noch hier. Irgendwo.Als er die Augen öffnete, stand er auf einer Ebene, die kein Ende kannte.Kein Horizont.Kein Himmel im klassischen Sinn.Nur ein sanftes, gleichmäßiges Leuchten, das von überallher kam und nirgends seinen Ursprung hatte. Das Licht war nicht grell. Es war das Weiß von frisch gefallenem Schnee bei Dämmerung, wenn die Sonne noch nicht ganz aufgegangen ist, aber auch nicht mehr schlafen will. Es gab keine Schatten. Und doch warf Viktor einen. Einen sehr schwachen, durchscheinenden Schatten, der mehr wie eine Erinnerung an Dunkelheit aussah als wie echte Finsternis.Er blickte an sich herunter.Sein Körper war noch da.Die Narben a
„Ist fast nichts mehr“, sagte er. „Der Mondwolf... er heilt schneller.“Sie sah ihn an. „Was war das heute Morgen? Dieses Leuchten? Diese Gestalt?“Viktor schwieg lange. Dann seufzte er. „Ich weiß es nicht genau. Es war, als hätte etwas in mir gewartet. Etwas Altes. Etwas, das der Mond nur weckt, w
Die große Halle der Sturmherzfestung lag in gespenstischer Stille da. Die Kerzen flackerten noch immer, doch ihr Licht schien schwächer geworden zu sein, als hätte der Wind aus der Nacht sie mit Kälte gefüllt. Überall lagen Körper. Einige regten sich langsam, stöhnten, setzten sich auf. Andere blie
Die Sonne stand bereits hoch, als der letzte Jubel im Tal der Schattenfelsberge langsam verebbte. Das Blut auf dem Schnee war bereits zu einem dunklen, gefrorenen Fleck geworden, der wie eine Mahnung dalag. Die Menge löste sich auf, nicht hastig, sondern mit einer Ehrfurcht, die schwer in der Luft
Der Himmel über den Schattenfelsbergen war noch nachtschwarz, als die ersten Trommelschläge durch das Tal hallten. Tiefe, langsame Schläge, wie das Schlagen eines riesigen Herzens. Das Rudel erwachte nicht sanft. Es erwachte mit Knurren, mit Zähnefletschen, mit dem metallischen Geruch von Blut, das





