LOGINEs war ein Donnerstag im Juni, kein besonderer Tag, kein Datum, das man sich merkte, kein Jahrestag oder Geburtstag oder Meilenstein, einfach ein Donnerstag, der warm war und nach dem langen Frühling roch, als Klara am Frühstückstisch saß und Maximilian etwas sagte, das sie seit zwei Wochen bei sich getragen hatte. Sie hatte es zwei Wochen bei sich getragen, nicht weil sie unsicher war, ob sie es sagen wollte, sondern weil sie wissen wollte, dass sie es aus einem Ort der Ruhe heraus sagte, und nicht aus Aufregung oder Impuls. Das war eine Qualität, die sie in sich entwickelt hatte in dem Jahr des Wiederaufbaus: die Fähigkeit, auf den richtigen Moment zu warten, nicht den perfekten Moment, es gibt keinen perfekten Moment, sondern den ruhigen. Dieser Donnerstagmorgen war ruhig. „Ich möchte über etwas sprechen", sagte sie, den Kaffee in den Händen, den Blick auf den Garten durch das Küchenfenster. Er sah von seinen Unterlagen auf. „Was ist es?" Sie dachte, auch jetzt noch, eine let
Der April begann mit Regen und endete mit Sonnenschein, der Art von Sonnenschein, der nach einer langen grauen Jahreszeit kommt und unverhältnismäßig gut wirkt, weil er vor dem Hintergrund der Erinnerung an die Kälte erscheint. Klara bemerkte den Frühling in dem Moment, in dem sie ihn roch. Sie saß am geöffneten Bibliotheksfenster mit einer Tasse Kaffee und las die Antwort der Hamburger Kanzlei auf ihren letzten Vorschlag, und dann kam ein Windhauch herein, der nach feuchter Erde und dem beginnenden Gras roch und dem ersten sehr schwachen Versprechen der Rosen, die noch nicht aufgebrochen waren, aber es überlegten, und sie hörte auf zu lesen und saß einfach da und ließ den Geruch sich setzen. Der Frühling bedeutete ein Jahr seit der Wiederhochzeit im Garten. Ein Jahr seit dem Brunnen, der wieder lief. Seit Frau Bauers Rosen unter dem Baldachin. Seit Greta, die weinte und es abstritt, und Sebastian, der neben seinem Bruder stand, und Anja und Dr. Sauer in der ersten Reihe, und Klara
Es war ein Sonntagabend, das Haus still, Frau Bauer seit dem Nachmittag in ihren eigenen Räumen, der Garten draußen in dem blassen Frühlingslicht, das noch keine Wärme hatte, aber schon versprochen hatte, sie zu bringen. Klara saß in der Bibliothek und las, das Notizbuch aufgeschlagen auf dem Tisch neben ihr, nicht weil sie schrieb, sondern weil es gut war, es in der Nähe zu haben, so wie manche Menschen einen Stein in der Tasche tragen. Maximilian kam herein ohne zu klopfen, weil er das nicht mehr tat, und setzte sich in den Stuhl ihr gegenüber, den Stuhl, den sie sich für diese Abende geteilt hatten, und er hatte das Tagebuch in der Hand, das Tagebuch seines Vaters. „Ich habe heute den letzten Eintrag gelesen", sagte er. Klara klappte ihr Buch zu. „Wie war er?" „Kurz. Drei Sätze." Er hielt das Tagebuch, sah auf den Einband, der abgenutzt war von vielen Händen. „Er schreibt, er fühle sich gut. Er schreibt, dass er vorhabe, am nächsten Morgen früh aufzustehen und bevor er ins Bür
Im Februar bat Maximilian Klara, an einer Vorstandssitzung von König Industrie teilzunehmen. Er fragte sie beim Frühstück, auf die Art, wie er Dinge fragte, die er für möglicherweise kompliziert hielt, direkt und ohne Einleitung, als wäre direktes Fragen besser als langes Umhergehen. „Ich möchte, dass du dabei bist. Nicht als meine Frau. Als die Person, die das Klara-Voss-Programm leitet und die eine potenzielle strukturelle Zusammenarbeit mit dem Unternehmen vorstellt." Klara stellte ihre Kaffeetasse ab. „Du hast mir gesagt, das Programm soll meins sein." „Das ist es. Deshalb frage ich dich, ob du willst. Ich verlange es nicht." Sie dachte nach. Die Vorstandssitzung war keine neutrale Umgebung, das wusste sie. Es waren Menschen dabei, die Friedrich Lang gekannt hatten, einige davon seit Jahrzehnten. Es waren Menschen dabei, die während des Skandals bestimmte Entscheidungen getroffen hatten, Entscheidungen, die man im Nachhinein anders hätte treffen können. Es waren Menschen dabe
Die Einladung aus Hamburg hatte drei Monate auf Klaras Schreibtisch gelegen, nicht vergessen, sondern gewartet, der Art, wie man auf etwas wartet, das man noch nicht ganz bereit ist anzunehmen, obwohl man weiß, dass man es annehmen wird. Im Januar schrieb sie den beiden Anwälten zurück. Sie fuhr an einem Donnerstag, mit dem frühen Zug, das erste Mal seit dem Unfall, dass sie allein reiste, und das erste Mal seit über zwei Jahren, dass sie die Stadtgrenze von Frankfurt allein überquerte. Der Zug war pünktlich, das Wetter grau und kalt in der Art des norddeutschen Januars, der eine andere Qualität von grau und kalt hatte als der des Taunus, horizontaler irgendwie, weniger eingegrenzt. Sie saß am Fenster und sah zu, wie Hessen sich in Niedersachsen verwandelte, die Landschaft flacher wurde, die Horizonte weiter, und dachte daran, wie seltsam es war, dass eine Reise, die vor zwei Jahren das Selbstverständlichste der Welt gewesen sein musste, sich jetzt wie etwas anfühlte, das Mut erfor
Es war ein Montag Anfang November, fast genau zwei Jahre nach dem Abend, an dem Klara in einem weißen Krankenhauszimmer die Augen geöffnet und einen Fremden gefunden hatte, der sie von einem Stuhl aus beobachtete, den er sich weigerte zu benutzen. Sie fuhr an diesem Morgen nicht ins Büro. Sie hatte sich den Tag freigenommen, nicht geplant, nicht als Gedenken an irgendetwas Bestimmtes, sondern weil Maximilian auch zu Hause war und weil der Novembertag klar und kalt und seltsam schön war, und weil es manchmal das Klügste ist, was man tun kann, einem guten Tag einfach zu erlauben, gut zu sein. Sie frühstückten zusammen in der Küche, Frau Bauer hatte Brötchen geholt, die dampfend auf dem Tisch lagen, und der Kaffee war der erste der beste des Tages, und das Licht durch das Küchenfenster fiel auf den Garten, wo der Brunnen lief und die Rosen zurückgeschnitten auf ihren zweiten Frühling warteten und die Kiefern an der Nordmauer ihre beständige, kalte Schönheit in den November hinein stre







