LOGINDrei Schwestern. Drei Lügen. Drei Männer, die der Wahrheit gefährlich nahekommen. Denn eins sollte man nie vergessen: Brave Mädchen lügen dreifach. Zum Lachen, zum Mitfiebern, zum Um-drei-Uhr-nachts-noch-ein-Kapitel-Lesen. Sie sehen brav aus. Sie klingen brav. Glaub ihnen kein Wort.
View MoreEs gibt genau zwei Situationen, in denen ich, Scarlett, an meine Grenzen komme: wenn ein Mann mir erklärt, wie ich meinen Job zu machen habe – und wenn ich in einem Faltenrock stehe.
Heute war Situation zwei. Und sie war schlimmer als jede Situation eins meines Lebens.
Der Rock war rosa. Nicht irgendein Rosa. Es war dieses gnadenlose, unschuldige Zuckerwatte-Rosa, das schrie: Ich habe noch nie in meinem Leben etwas Verbotenes getan und bin stolz darauf. Dazu eine weiße Bluse, zugeknöpft bis zum Anschlag, und Perlenohrringe, die so brav an meinen Ohrläppchen baumelten, dass ich mich fühlte wie meine eigene Großmutter auf dem Weg zum Kirchenchor.
„Emmi, Schatz, kommst du? Die Torte!", rief Benedikts Mutter über den Rasen.
Ich lächelte. Emmis Lächeln. Das mit den geschlossenen Lippen und den leicht schräg gelegten Kopf, das aussieht wie ein Werbeplakat für Kamillentee.
Ich bin nicht Emmi. Ich bin Scarlett. Aber das wusste hier niemand, und das war der ganze verdammte Punkt.
Kurze Erklärung für alle, die gerade eingestiegen sind: Wir sind drei. Eineiige Drillinge. Liv, Emmi und ich – identisch bis auf das letzte Muttermal, verschieden bis ins letzte Neuron. Und heute wurden wir achtzehn. Alle drei. Logisch. Nur wusste das außer uns niemand, denn nach Mamas Tod hatten wir eine Regel aufgestellt, die heiliger war als jede Bibel: Niemand erfährt, dass wir drei sind. Drei Leben, drei Freundeskreise, ein Gesicht. Und wenn eine von uns nicht konnte, nicht wollte oder kurz vorm Durchdrehen war – sprang eine andere ein.
Heute war so ein Tag. Genauer gesagt: Heute war der Super-GAU aller Tage. Drei Geburtstagspartys an einem Wochenende, und wir rotierten wie ein schlecht geöltes Karussell. Emmi war gerade auf Livs Uni-Party und tat verkopft. Liv war in meinem Club und tat – Gott stehe uns bei – mich. Und ich stand hier, auf Emmis Gartenparty in der Vorstadt, zwischen Hortensien und Häppchen, und tat unschuldig.
Spoiler: Unschuld ist nicht meine Kernkompetenz.
„Da bist du ja." Benedikt tauchte neben mir auf, in einem Poloshirt, das exakt die Farbe von gekochtem Blumenkohl hatte. Emmis Freund. Seit drei Jahren. Der Junge war so verlässlich, dass man nach ihm die Uhr stellen konnte, und so aufregend wie eine Steuererklärung.
„Da bin ich ja", sagte ich und hob mein Glas mit alkoholfreier Bowle. Alkoholfrei. Auf meinem achtzehnten Geburtstag. Ich hätte weinen können.
„Du siehst heute...", er musterte mich, und in seinen Augen flackerte etwas, das ich nur zu gut kannte – ich hatte es schon in hundert Männeraugen gesehen, nur nie in seinen, „...anders aus."
Ah. Da war es. Das Problem mit dem Tauschen ist nämlich nicht das Aussehen. Das Aussehen ist perfekt. Das Problem ist alles andere. Der Gang. Der Blick. Die Art, wie ich ein Glas halte, als wäre es eine Waffe, während Emmi es hält, als wäre es ein verletzter Vogel.
„Anders wie... gut?", fragte ich und legte den Kopf schief. Ein bisschen zu schief. Ein bisschen zu sehr ich.
Benedikt wurde rot. Bis zu den Ohren. „Ich – ja. Also. Sehr. Du wirkst so..." Er suchte nach einem Wort und fand offensichtlich nur gefährliche. „...selbstbewusst."
„Schätzchen", sagte ich, bevor mein Gehirn die Notbremse ziehen konnte, „du hast ja keine Ahnung."
Sein Adamsapfel hüpfte. Irgendwo in meinem Hinterkopf schrie eine Stimme, die verdächtig nach Emmi klang: SCARLETT. Das ist MEIN FREUND. Flirte. Nicht. Mit. Meinem. Freund.
Ich flirtete nicht mit ihm. Ich atmete nur in seine Richtung. Kann ich was dafür, dass mein Atmen wirkt wie Flirten? Das ist ein medizinisches Phänomen. Sollte erforscht werden.
„Emmi?" Benedikts Mutter – Gundula, ein Name wie ein Möbelstück – winkte mich zur Kaffeetafel. Auf dem Tisch stand eine Torte, die aussah wie ein Hochzeitskleid in essbar. Achtzehn Kerzen. Ich zählte nach. Achtzehn. Nicht vierundfünfzig, was die mathematisch korrekte Zahl gewesen wäre, wenn man bedenkt, dass hier eigentlich drei Frauen Geburtstag hatten.
„Ein Wunsch, Liebes!", rief Gundula. „Aber verrate ihn nicht!"
Ich schloss die Augen. Ich wünsche mir, dass Liv in diesem Moment nicht meinen Ruf zerstört, dachte ich und blies.
Alle achtzehn Kerzen erloschen auf einmal. Applaus. Benedikt starrte mich an, als hätte ich gerade ein Feuer verschluckt.
„Wow", sagte er heiser. „Sonst brauchst du immer drei Anläufe."
„Ich hab trainiert", sagte ich.
In meiner Rocktasche vibrierte das Handy. Ich entschuldigte mich mit Emmis Kamillentee-Lächeln und flüchtete hinter die Hortensien.
Liv: Kleines Problem.
Zwei Worte. Zwei Worte, die in unserer Familie so viel bedeuten wie eine Sturmwarnung.
Ich: Definiere klein.
Liv: Also. Da war dieser Typ. Sehr attraktiv. Objektiv betrachtet. Er hat mich angesprochen, also dich, und meinte, ob wir das „vom letzten Mal wiederholen" wollen.
Oh nein.
Ich: Liv. Was hast du getan.
Liv: Ich habe ihm erklärt, dass „wollen wir das wiederholen" grammatikalisch eine geschlossene Frage ist und rhetorisch schwach, weil sie mir die Möglichkeit gibt, einfach nein zu sagen, und dass ein Mann mit seinem Kieferknochen wirklich bessere Eröffnungssätze verdient hätte. Dann habe ich ihm drei Alternativen vorgeschlagen. Mit Beispielen.
Ich starrte auf mein Display. Hinter mir sang Gundula irgendetwas von Hoch soll sie leben.
Ich: Du hast Dante einen VORTRAG über FLIRTEN gehalten?
Liv: Er heißt Dante?? Wie die Hölle? Das erklärt einiges. Er ist übrigens gegangen. Relativ schnell. Fast schon gerannt.
Ich: Liv. Dieser Mann ist der bestaussehende Stammgast im Moxy. Ich habe SECHS WOCHEN an diesem Lächeln gearbeitet, das er mir immer über die Bar zuwirft. SECHS WOCHEN.
Liv: Wenn es dich tröstet: Dein Chef hat gefragt, ob du krank bist. Ich habe gesagt, ich hätte meine Tage. Er hat sich entschuldigt und mir einen Kräutertee gemacht.
Ich lehnte die Stirn gegen den Gartenzaun. Der Zaun war weiß. Natürlich war er weiß. In Emmis Welt war alles weiß, rosa oder blumig, und nichts, absolut nichts, war jemals kompliziert – bis heute.
Ich: Ich habe in vier Jahren im Nachtleben keinen einzigen Kräutertee getrunken. Du zerstörst in drei Stunden ein Lebenswerk.
Liv: DU hast Benedikt angeflirtet, ich spüre es durch das Telefon.
Ich: Ich habe GEATMET.
Liv: Dein Atmen ist strafbar in elf Bundesländern.
Ich musste grinsen. Gegen meinen Willen. Das ist das Ding mit uns dreien: Wir können uns gegenseitig in den Wahnsinn treiben, und trotzdem – wenn eine von uns anruft und sagt ich brauche dich, lassen die anderen beiden alles fallen. Alles. Immer. Wir sind keine Schwestern. Wir sind ein Organismus mit drei Frisuren.
„Emmi?" Benedikts Stimme, direkt hinter mir.
Ich ließ das Handy in der Rocktasche verschwinden und drehte mich um. Er stand zwischen den Hortensien, die Hände in den Hosentaschen, und sah mich an mit diesem Blick. Diesem neuen Blick. Ich kannte den Blick. Der Blick war mein Beruf.
„Ich wollte dir dein Geschenk geben", sagte er. „Unter vier Augen."
Oh bitte nicht, dachte ich. Bitte kein Ring. Emmi bringt mich um. Nein, schlimmer: Emmi wird ganz still und sagt, es sei nicht schlimm, und DANN bringt LIV mich um.
Er zog eine kleine Schachtel aus der Tasche. Mein Herz machte einen Stunt, der versicherungstechnisch bedenklich war.
„Benedikt—"
„Warte. Lass mich das sagen." Er atmete tief ein. „Emmi. Wir sind seit drei Jahren zusammen. Und ich dachte immer, ich kenne dich. Aber heute..." Er lachte nervös. „Heute ist es, als würde ich dich zum ersten Mal sehen. Und ich weiß nicht, was du anders machst, aber ich will, dass du es nie wieder rückgängig machst."
Ich schluckte. Das war der Moment, in dem eine bessere Schwester etwas Deeskalierendes gesagt hätte. Etwas Emmi-haftes. Ach Benedikt, wie lieb von dir.
Er öffnete die Schachtel. Darin lag – kein Ring. Eine Kette. Ein zarter Goldanhänger in Form eines Buchstabens.
Ein E.
„Damit jeder weiß, wem dein Herz gehört", sagte er feierlich.
Und ich, Scarlett, achtzehn Jahre alt seit exakt sieben Stunden, Königin des Nachtlebens, Frau ohne Furcht und Faltenrock-Erfahrung, sagte das Einzige, was mir in diesem Moment einfiel:
„E wie... Ehrlichkeit."
„E wie Emmi", sagte Benedikt irritiert.
„Das sagte ich."
Er legte mir die Kette um. Seine Finger streiften meinen Nacken, und ich spürte, wie er einen Moment zu lange dort verweilte. Hinter uns räusperte sich jemand.
Gundula. Mit einem Tablett Käseigel und einem Gesichtsausdruck, der Bände sprach – und zwar ausschließlich Bände über Enterbung.
„Die Gäste warten", sagte sie spitz.
Wir folgten ihr zurück zur Kaffeetafel, und ich schwor mir: eine Stunde noch. Eine Stunde Emmi, dann Schichtwechsel, dann würde ich in meine eigenen Klamotten, meinen eigenen Club und mein eigenes Leben zurückkehren und den Schaden begutachten, den Liv angerichtet hatte.
An der Kaffeetafel wartete das Tribunal. Gundula thronte am Kopfende zwischen Tante Hilde (Benedikts Patentante, Dauerwelle wie ein Sturmschaden) und einer Frau, die mir als „Frau Doktor Wenzel von der Kirchengemeinde" vorgestellt wurde, obwohl niemand erklärte, worin sie Doktor war. Vermutlich in Urteilen.
„Emmi, Liebes", begann Gundula und schnitt die Torte mit der Präzision einer Chirurgin, „erzähl doch mal – wie läuft das Studium? Benedikt sagt, ihr hattet diese Woche die große Vorlesung bei Professor..." Sie machte eine Kunstpause und sah mich an. „...wie hieß er noch gleich?"
Falle. Das war eine Falle. Diese Frau stellte keine Fragen, sie legte Tellerminen aus.
„Ach, Sie wissen doch, wie das ist", sagte ich und lächelte in die Runde. „Diese Professoren wechseln ständig. Ich nenne sie innerlich alle nur noch ‚Herr Doktor'. Das ist höflich und mathematisch meistens korrekt."
Tante Hilde kicherte in ihren Eierlikör. Gundula nicht.
„Und die Kunstgeschichte?", hakte sie nach. „Was war noch mal deine Lieblingsepoche? Ich vergesse es immer."
Sie vergaß es nicht. Diese Frau vergaß nicht mal, wer 2019 den Streuselkuchen zu trocken fand. Ich kramte in meinem Gedächtnis nach allem, was Emmi je beim Abendessen erzählt hatte, und förderte genau ein Wort zutage.
„Barock", sagte ich fest.
„Renaissance", korrigierte Gundula sanft. „Du sagst immer Renaissance."
„Der Mensch entwickelt sich", entgegnete ich und häufte mir demonstrativ Torte auf. „Gerade mit achtzehn. Man wacht auf und plötzlich findet man Dinge schön, die... üppiger sind. Dramatischer. Mit mehr Gold."
Frau Doktor Wenzel nickte anerkennend. Benedikt starrte auf mein Tortenstück, als hätte ich soeben seine Weltordnung neu sortiert – Emmi aß Torte sonst offenbar nur in homöopathischen Dosen. Gundula kniff die Augen zusammen, einen Millimeter nur, aber ich erkannte den Blick. Es war der Blick einer Frau, die ein Puzzle vor sich liegen hat, bei dem ein Teil nicht passt, und die notfalls die Schere holen würde.
Eine Stunde, erinnerte ich mich. Nur noch eine Stunde.
Das Handy vibrierte erneut. Ich warf einen Blick darauf, unter dem Tisch, zwischen Streuselkuchen und Serviettenschwänen.
Liv: Okay. Nicht ausrasten.
Ich: Solche Nachrichten verursachen exakt das Gegenteil.
Liv: Hier ist gerade jemand aufgetaucht. Im Club. Er sagt, er ist der Sohn vom Besitzer. Damian irgendwas. Sieht aus wie ein Anzugmodel mit Persönlichkeitsstörung. Er sagt, ab Montag übernimmt er das Management.
Ich erstarrte, die Kuchengabel auf halbem Weg.
Liv: Und Scarlett... er sagt, das Erste, was er ändern wird, ist „das Personal, das sich für den Star des Ladens hält". Er hat dabei mich angesehen. Also dich. Uns. Du weißt, was ich meine.
Ich: Was hast du gesagt?
Liv: Ich wollte diplomatisch sein.
Ich: LIV. WAS. HAST. DU. GESAGT.
Liv: Ich habe gesagt, dass Männer, die sich mit Papas Club profilieren müssen, statistisch gesehen überdurchschnittlich häufig Kompensationsprobleme haben. Es kann sein, dass ich das Wort „statistisch" betont habe. Es kann auch sein, dass der ganze Club es gehört hat. Es kann außerdem sein, dass er Montag ein Gespräch mit dir will. Alles Gute zum Geburtstag übrigens. Ich hab dich lieb.
Ich legte das Handy mit dem Display nach unten auf meinen Schoß, lächelte Emmis Kamillentee-Lächeln in die Runde der Kaffeetanten und dachte an mein Leben, das gerade dreihundert Meter weiter westlich von meiner eigenen Schwester an die Wand gefahren wurde.
„Alles in Ordnung, Liebes?", fragte Gundula. „Du bist so blass."
„Alles wunderbar", sagte ich. „Ich freue mich nur so auf Montag."
Und das Verrückteste daran? Ein winziger, wahnsinniger Teil von mir meinte das ernst. Denn wenn dieser Damian irgendwas glaubte, er könnte in meinen Club spazieren und mich zum Problem erklären, dann hatte er eine Sache noch nicht verstanden:
Er hatte sich nicht mit einer Frau angelegt.
Er hatte sich mit dreien angelegt.
Er wusste es nur noch nicht.
Drei Kerzen, richtig gezähltEs gibt einen Ort in dieser Stadt, an dem ich niemand bin. Nicht die Barkeeperin, nicht das Geburtstagskind, nicht die Frau im Faltenrock. Er liegt im vierten Stock eines Hinterhauses, riecht nach Terpentin und Staub, und der Schlüssel dazu hängt an drei Schlüsselbunden, von denen keiner dem Vermieter bekannt ist.Mamas Atelier.Sie hatte es gemietet, als wir zwölf waren – „mein Zimmer", nannte sie es, als wäre sie das vierte Kind der Familie. Hier hatte sie gemalt, schlecht und mit hingebungsvoller Begeisterung, hier standen noch ihre Leinwände, ihre Pinsel im Marmeladenglas, ihr durchgesessener Sessel mit den Farbflecken. Papa wusste vermutlich nicht mal mehr, dass es existierte. Wir zahlten die Miete zu dritt, schwarz an Herrn Yilmaz im Erdgeschoss, und keine von uns hätte je vorgeschlagen, das Geld zu sparen. Es gibt Dinge, über die verhandelt man nicht.Um kurz vor Mitternacht saßen wir zu dritt auf dem Teppich, um einen Marmorkuchen, den Emmi nach Ma
Feldstudien im NeonlichtSechs Stunden zuvor.Es gibt eine Sache, die man über mich wissen muss: Ich, Liv, bin in nahezu jeder Lebenslage die kompetenteste Person im Raum. Ich habe mit sieben Jahren die Bedienungsanleitung unseres Geschirrspülers gelesen. Freiwillig. Ich korrigiere Dozenten, Speisekarten und gelegentlich Grabsteine. Wenn die Zivilisation zusammenbricht, bin ich die Person, die weiß, wie man Wasser filtert und warum.Es gibt allerdings einen Raum, in dem dieses Prinzip nicht gilt, und ich stand mittendrin: das Moxy. Scarletts Club. Ihr Königreich aus Neonlicht, Bass und Menschen, die sich gegenseitig anschrien, das sei Kommunikation.„SCARLETT!", brüllte Rocco, der Geschäftsführer, über die Bar. „ZWEI ESPRESSO MARTINI, EIN NEGRONI!"Ich nickte souverän und drehte mich zum Regal. Espresso Martini. Kein Problem. Espresso kannte ich. Martini kannte ich. Die Logik legte nahe, dass man beides zusammenschüttete. Die Logik, das sollte dieser Abend beweisen, hatte im Moxy Haus
Lügen für AnfängerinnenEs gibt Menschen, die können lügen. Scarlett zum Beispiel lügt so elegant, dass man sich hinterher bei ihr bedankt. Liv lügt nicht direkt – sie formuliert die Wahrheit nur so kompliziert, dass niemand mehr weiß, wonach er eigentlich gefragt hat.Und dann gibt es mich. Emmi. Ich bin die Sorte Mensch, die rot wird, wenn sie an der Supermarktkasse gefragt wird, ob sie die Punkte sammelt, und keine hat.Deshalb war es objektiv betrachtet eine katastrophale Idee, dass ausgerechnet ich an unserem achtzehnten Geburtstag Livs Leben übernahm. Auf Livs Uni-Party. Umgeben von Livs Freunden, die alle klüger klangen als mein gesamter Abiturjahrgang zusammen.„Und?", fragte das Mädchen mit dem Nasenpiercing – Zoe, laut Livs Spickzettel: beste Uni-Freundin, Soziologie, hasst Smalltalk, liebt Diskussionen über den Untergang des Kapitalismus –, „was sagst du dazu?"Ich hatte keine Ahnung, wozu ich etwas sagen sollte. Ich hatte die letzten drei Minuten damit verbracht, so zu tun
Drei Kerzen zu vielEs gibt genau zwei Situationen, in denen ich, Scarlett, an meine Grenzen komme: wenn ein Mann mir erklärt, wie ich meinen Job zu machen habe – und wenn ich in einem Faltenrock stehe.Heute war Situation zwei. Und sie war schlimmer als jede Situation eins meines Lebens.Der Rock war rosa. Nicht irgendein Rosa. Es war dieses gnadenlose, unschuldige Zuckerwatte-Rosa, das schrie: Ich habe noch nie in meinem Leben etwas Verbotenes getan und bin stolz darauf. Dazu eine weiße Bluse, zugeknöpft bis zum Anschlag, und Perlenohrringe, die so brav an meinen Ohrläppchen baumelten, dass ich mich fühlte wie meine eigene Großmutter auf dem Weg zum Kirchenchor.„Emmi, Schatz, kommst du? Die Torte!", rief Benedikts Mutter über den Rasen.Ich lächelte. Emmis Lächeln. Das mit den geschlossenen Lippen und den leicht schräg gelegten Kopf, das aussieht wie ein Werbeplakat für Kamillentee.Ich bin nicht Emmi. Ich bin Scarlett. Aber das wusste hier niemand, und das war der ganze verdammte











