LOGINAls die 26-jährige Buchhalterin Elena Hartwell bei einer Firmenfeier aus Versehen ein brisantes Geheimnis des mächtigsten Mannes New Yorks belauscht, ahnt sie nicht, dass dieser Moment ihr Leben für immer verändern wird. Adrian Blackwood, der 34-jährige CEO von Blackwood Industries und einer der reichsten Männer der Welt, bietet ihr einen unmoralischen Deal: Sie unterschreibt einen Exklusivvertrag und verschwindet für ein Jahr aus ihrem alten Leben, oder er zerstört alles, was ihr lieb ist. Doch was als Gefangenschaft in einer goldenen Käfig beginnt, entwickelt sich schnell zu etwas viel Gefährlicherem. Zwischen Adrian und Elena entflammt eine Leidenschaft, die beide zu vernichten droht. Denn Adrian verfolgt einen dunklen Plan, und Elena ist nur ein Puzzleteil in einem Spiel, das weit über sie hinausgeht. Als die Wahrheit ans Licht kommt, steht nicht nur ihre Liebe auf dem Spiel, sondern auch ihr Leben. Ein Roman über die dünnen Linien zwischen Liebe und Hass, Kontrolle und Hingabe, Wahrheit und Lüge. Ein Roman, der beweist, dass selbst das kälteste Herz schmelzen kann, wenn die richtige Person es berührt.
View MoreDer Blackwood Tower ragte wie ein Dolch aus Stahl und Glas in den nächtlichen Himmel von Manhattan, seine Spitze verschwand in den Wolken, die wie zerrissene Seidenfetzen über der Stadt hingen. Im sechzigsten Stockwerk tobte eine Party, die die Definition von Exzess neu schrieb. Champagner floss in Strömen, das Orchester spielte Mozart für Menschen, die nie einen einzigen Ton verstanden hatten, und Diamanten funkelten an Halsketten, die teurer waren als die Häuser, in denen das Servicepersonal lebte.
Elena Hartwell stand an der Peripherie des Geschehens, ein unsichtbarer Geist in einem Kleid, das sie sich nicht leisten konnte und das ihr von einer Kollegin geliehen worden war. Es war schwarz, dezent, und es passte zu ihr wie eine zweite Haut, die sie nicht wollte. Sie hasste diese Partys, hasste das gezwungene Lachen, das hohle Gerede über Aktienkurse und Yachturlaube, hasste die Art und Weise, wie die Männer sie ansahen, als wäre sie ein Dessert auf einem Buffet, das sie noch nicht probiert hatten. Sie war hier, weil sie Senior Buchhalterin bei Blackwood Industries war und weil Anwesenheit bei der jährlichen Firmenfeier nicht optional war. Sie war hier, weil sie ihre Mutter ernähren musste, ihre Schulden bezahlen und irgendwann, vielleicht, vielleicht auch nie, genug Geld für die Behandlung sparen musste, die Isabella Hartwells Leben retten könnte. Elena nahm einen Schluck von ihrem warmen Sekt und spürte, wie die Bläschen in ihrer Nase brannten. Sie warf einen Blick auf ihre Uhr, eine schlichte Digitaluhr, die in dieser Umgebung so deplatziert wirkte wie ein Traktor auf einer Rennstrecke. Noch zwei Stunden, dann konnte sie gehen, zurück in ihr kleines Apartment in Brooklyn, zurück in ihre Welt aus Zahlen, Rechnungen und der ständigen Angst, dass das Geld nicht reichen würde. „Miss Hartwell, genießen Sie die Feierlichkeiten?“ Elena drehte sich um und sah Gregory Halston, den CFO der Firma, auf sie zukommen. Er war ein Mann in den Fünfzigern mit einem Haarkranz, der verzweifelt gegen die Kahlköpfigkeit ankämpfte, und einem Lächeln, das nie seine Augen erreichte. „Es ist beeindruckend, Mr. Halston“, antwortete Elena mit der professionellen Höflichkeit, die sie in fünf Jahren bei Blackwood Industries perfektioniert hatte. „Sie haben wirklich alles sehr gut organisiert.“ Halston lachte, ein Geräusch wie Quietschen einer Tür. „Organisiert? Meine Liebe, ich habe nur den Raum gemietet. Das wahre Organisationstalent ist woanders.“ Er deutete mit seinem Champagnerglas in die Menge, und Elenas Blick folgte der Richtung. Dort, in der Mitte des Raumes, umgeben von einer Gruppe von Männern in Anzügen, die mehr kosteten als ihr Jahresgehalt, stand Adrian Blackwood. Er war größer als die anderen, nicht nur physisch, sondern in der Art, wie er den Raum beherrschte, ohne einen Finger zu rühren. Sein Anzug war maßgeschneidert, dunkelblau, fast schwarz, und er trug ihn mit der lässigen Eleganz eines Mannes, der nie etwas anderes gekannt hatte. Seine Haare waren rabenschwarz, perfekt frisiert, und sein Gesicht war das eines Griechischen Gottes, der sich entschieden hatte, statt auf dem Olymp auf der Wall Street zu regieren. Aber es waren seine Augen, die Elena am meisten faszinierten und erschreckten. Sie waren dunkel, fast schwarz, und sie schienen alles zu sehen und gleichzeitig nichts. Als sein Blick kurz über die Menge schweifte und Elena streifte, fühlte sie sich für einen Sekundenbruchteil entblößt, als hätte er durch ihr Kleid, durch ihre Haut, direkt in ihre Seele geschaut. Dann war der Moment vorbei. Blackwood wandte sich wieder seinen Gästen zu, und Elena atmete aus, ohne zu merken, dass sie die Luft angehalten hatte. „Ein beeindruckender Mann, nicht wahr?“ Halstons Stimme klang neben ihr, und Elena bemerkte, dass sie ihn vergessen hatte. „Er ist der Chef“, sagte sie nur und wollte sich zurückziehen, doch Halston legte eine Hand auf ihren Arm. „Bleiben Sie noch, Miss Hartwell. Mr. Blackwood hat ausdrücklich darum gebeten, dass alle Abteilungsleiter heute Abend anwesend sind. Sie sind die jüngste Senior Buchhalterin in der Geschichte der Firma. Das sollten Sie sich auf die Fahnen schreiben.“ Elena zwang sich zu einem Lächeln. „Ich bin nur Buchhalterin, Mr. Halston. Nichts weiter.“ „Ach, aber das stimmt nicht, oder?“ Halstons Augen verengten sich, und Elena spürte einen kalten Schauer über ihren Rücken laufen. „Ich habe Ihre Akte gesehen, Miss Hartwell. Ein Vollstipendium an der NYU, Abschluss mit Auszeichnung, fünf Jahre bei uns ohne einen einzigen Fehler. Sie sind brillant. Und brillante Menschen sollten nicht für immer in der zweiten Reihe stehen.“ Er ließ ihren Arm los und verschwand in der Menge, bevor Elena antworten konnte. Sie stand allein da, das leere Champagnerglas in der Hand, und spürte, wie die Wände des Raumes näher rückten. Die Luft war schwer vom Parfüm der Gäste, vom Rauch der Zigarren, von der Anspannung, die in einem Raum voller Raubtiere immer präsent war. Elena entschied, dass sie frische Luft brauchte. Nicht in einer Stunde, nicht in einer halben Stunde, sondern jetzt. Sie drängte sich durch die Menge, murmelte Entschuldigungen, die niemand hörte, und erreichte schließlich den Aufzugbereich. Die goldenen Türen glänzten im Licht der Kronleuchter, und Elena drückte den Knopf für die Lobby. Nichts geschah. Sie drückte erneut, dann noch einmal. Die Anzeige über der Tür zeigte, dass alle Aufzüge im obersten Stockwerk hielten, blockiert von der Menge der Gäste, die zwischen den Etagen pendelten. Elena seufzte und blickte sich um. Neben dem Aufzug befand sich eine kleine Tür, die sie noch nie bemerkt hatte. Sie war unscheinbar, in die Wand eingelassen, mit einem Schild, das vor langer Zeit verblasst war. Elena konnte gerade noch lesen: „Notausgang. Personal nur.“ Sie zögerte. Die Regeln der Firma waren streng, und unbefugtes Betreten von Bereichen außerhalb der eigenen Abteilung konnte ernste Konsequenzen haben. Aber die Luft im Partyraum wurde unerträglich, und der Gedanke an die stickige Lobby mit ihrer Menge aus betrunkenen Investmentbankern war kaum verlockender. Elena drückte die Klinke. Die Tür gab nach, und sie trat in einen schmalen Korridor, der von flackernden Leuchtstoffröhren erhellt wurde. Der Gang führte nach links und rechts, und Elena entschied sich für links, in Richtung des Gebäudeflügels, der zum Fluss hin ausgerichtet war. Vielleicht gab es dort ein Fenster, das sie öffnen konnte, vielleicht sogar einen kleinen Balkon. Der Korridor war länger, als sie erwartet hatte. Er wand sich durch das Gebäude wie ein Adernsystem, vorbei an Türen mit Zahlen statt Namen, an Kisten mit Büromaterial, an der Hinterbühne des Glamours, den die Gäste oben niemals sahen. Elena ging schneller, ihre Absätze klickten auf dem Linoleum, ein Rhythmus, der ihre Nervosität widerspiegelte. Dann hörte sie Stimmen. Zuerst dachte sie, es seien Arbeiter, die spät noch Inventur machten oder die Räume für den nächsten Tag vorbereiteten. Doch als sie näher kam, erkannte sie, dass die Stimmen gedämpft waren, als kämen sie hinter einer geschlossenen Tür. Eine der Stimmen war tief, ruhig, und sie sendete einen Schauer über Elenas Rücken, den sie nicht erklären konnte. Sie hätte umkehren sollen. Jeder Instinkt in ihrem Körper schrie ihr zu, zu fliehen, den Korridor zurückzurennen, die Tür zu schließen und so zu tun, als hätte sie nie hier gewesen. Aber Elena war nie eine Frau gewesen, die einfach weglief. Sie war die Tochter einer Frau, die gegen eine unheilbare Krankheit kämpfte, die Nichte eines Mannes, der im Zweiten Weltkrieg gefallen war, die Enkelin einer Frau, die aus einem brennenden Haus gerettet hatte, was sie konnte. Hartwells gaben nicht auf. Das war ihre Familienregel, ihr Erbe, ihr Fluch. Elena schlich näher. Die Tür war nicht ganz geschlossen, ein schmaler Spalt ließ gelbes Licht hindurchscheinen. Sie drückte ihr Ohr gegen den Türspalt und hörte: „...das Problem ist gelöst, Adrian. Der Zeuge wird nicht reden. Nicht jetzt, nicht morgen, nie wieder.“ Die Stimme gehörte einem Mann, den Elena nicht kannte. Er klang älter, rau, mit einem Akzent, den sie nicht einordnen konnte. „Und wenn er doch redet?“ Diese Stimme kannte Elena. Sie hatte sie nie persönlich gehört, aber sie hatte sie in Interviews gesehen, in Videos, in den Nachrichten. Es war die Stimme von Adrian Blackwood, doch sie klang anders als oben im Festsaal. Hier war sie kälter, härter, gefährlicher. „Dann werden wir ihn zum Schweigen bringen. Wie beim letzten Mal. Wie bei allen anderen.“ Elena spürte, wie ihr Herz in ihrer Brust hämmerte, so laut, dass sie fürchtete, die Männer könnten es hören. Sie drückte ihre Hand gegen ihre Lippen, um ein Schluchzen zu unterdrücken. Was sie da hörte, war nicht nur illegal. Es war böse, durchdrungen von einer Kälte, die sie bis in die Knochen spürte. „Der letzte Mal war ein Fehler“, sagte Adrian, und seine Stimme war so leise, dass Elena sich anstrengen musste, ihn zu verstehen. „Ich hätte ihn nicht töten sollen. Es hätte andere Wege gegeben.“ „Wege? Adrian, der Mann wollte die Firma zerstören. Er wollte dich zerstören. Er hatte Beweise, Beweise, die dich ins Gefängnis gebracht hätten. Was hättest du tun sollen? Ihm Blumen schicken?“ Elena spürte, wie die Welt um sie herum zu schwanken begann. Töten. Beweise. Gefängnis. Die Worte hallten in ihrem Kopf wider wie Schüsse in einem leeren Raum. Sie wusste, dass sie gehen musste, sofort, ohne einen Laut, ohne zurückzublicken. Aber ihre Beine weigerten sich, sich zu bewegen. Sie waren wie eingefroren, angekettet an den Boden durch das Gewicht dessen, was sie gerade erfahren hatte. „Es war vor fünfzehn Jahren“, sagte Adrian, und etwas in seiner Stimme hatte sich verändert. Es war nicht mehr Kälte, es war etwas anderes, etwas, das Elena nicht benennen konnte. Etwas, das wie Schmerz klang. „Fünfzehn Jahre, und ich schlafe immer noch nicht durch. Weißt du, wie das ist, Marcus? Weißt du, wie es ist, jeden Abend das Gesicht eines Mannes zu sehen, den du getötet hast?“ „Du hast es getan, um zu schützen. Um die Firma zu schützen, deine Familie, alles, was du aufgebaut hast.“ „Ich habe es getan, weil ich ein Monster bin“, sagte Adrian, und seine Stimme war so leise, dass Elena sich fragen musste, ob sie es sich eingebildet hatte. „Und Monster verdienen keine Gnade.“ In diesem Moment rutschte Elenas Hand von der Tür. Sie war feucht vor Schweiß, und als sie sich abstützte, um das Gleichgewicht zu halten, berührte sie einen Metallkasten, der auf einem Regal neben der Tür stand. Der Kasten fiel zu Boden mit einem Krachen, das in dem stillen Korridor wie ein Donnerschlag wirkte. Die Stimmen hinter der Tür verstummten. Elena stand wie erstarrt, ihre Augen weit aufgerissen, ihr Atem stockend in ihrer Kehle. Sie hörte Schritte, schnell, entschlossen, auf die Tür zukommend. Sie wollte rennen, aber ihre Beine versagten ihr. Sie wollte schreien, aber ihre Stimme war wie erstickt. Die Tür flog auf, und Adrian Blackwood stand vor ihr. Er hatte seine Jackett ausgezogen, seine Krawatte gelockert, und das erste, was Elena bemerkte, war, dass er ohne die Fassade des CEO viel jünger aussah. Das zweite war, dass seine Augen, diese dunklen, undurchdringlichen Augen, sie nicht mit Wut oder Überraschung, sondern mit etwas anderem ansahen. Mit Erkenntnis. „Miss Hartwell“, sagte er, und seine Stimme war wieder die des Mannes von oben, des charmanten Gastgebers, des mächtigen Milliardärs. Aber Elena konnte die Kälte darunter hören, das Eis, das seine Worte umgab. „Was für eine angenehme Überraschung. Ich hatte nicht erwartet, Sie hier unten zu treffen.“ Elena öffnete den Mund, um zu sprechen, aber keine Worte kamen heraus. Hinter Adrian erschien ein zweiter Mann, groß, breit, mit einem Gesicht, das aussah, als wäre es aus Granit gemeißelt worden. Marcus, vermutete Elena, der Mann, der von Toten gesprochen hatte. „Boss, soll ich...?“ Er machte eine Geste, die Elena nicht verstand, aber deren Bedeutung sie spürte wie einen Dolchstoß in die Magengrube. Adrian hob eine Hand, ohne Elena aus den Augen zu lassen. „Nein, Marcus. Miss Hartwell ist ein Gast. Und wir behandeln Gäste mit Respekt, nicht wahr?“ Er trat einen Schritt auf Elena zu, und sie spürte den Drang, zurückzuweichen, gegen die Wand zu pressen, durch die Wand zu gehen, wenn es sein musste. Aber sie stand still, ihre Hände zu Fäusten geballt, ihre Kiefer fest zusammengebissen. „Ich... ich habe mich verlaufen“, stammelte sie, und ihre Stimme klang fremd in ihren eigenen Ohren, hoch und zittrig. „Ich wollte nur frische Luft. Die Tür war offen, und ich...“ „Sie haben sich verlaufen“, wiederholte Adrian, und ein Lächeln umspielte seine Lippen, ein Lächeln, das keine Wärme kannte. „In einem Bereich des Gebäudes, der für das Personal gesperrt ist. Während eines Gesprächs, das... sagen wir, vertraulicher Natur war.“ Elena spürte, wie Tränen in ihre Augen schossen, und sie hasste sich dafür. Sie war keine Weichei, keine hysterische Frau, die bei der ersten Krise zusammenbrach. Aber die Situation war jenseits von allem, was sie je erlebt hatte, und die Tatsache, dass der mächtigste Mann New Yorks sie mit diesem Blick ansah, diesen Blick, der sagte, dass er wusste, dass sie log, dass er wusste, dass sie gehört hatte, dass er wusste, dass er jetzt entscheiden musste, was mit ihr geschehen würde, es war zu viel. „Ich habe nichts gehört“, flüsterte sie, und sie wusste, dass es die dümmste Lüge war, die sie je erzählt hatte. Adrians Lächeln vertiefte sich, und er streckte eine Hand aus. Seine Finger berührten ihre Wange, und Elena spürte, wie sie zitterte unter seiner Berührung. Seine Haut war warm, unerwartet warm, und das machte es nur schlimmer. „Miss Hartwell“, sagte er leise, so leise, dass nur sie es hören konnte. „Lügen sind wie Schmetterlinge. Schön, zerbrechlich, und wenn man sie zu fest packt, sterben sie. Sie sind keine gute Lügnerin. Das ist etwas, das wir ändern müssen.“ Er zog seine Hand zurück und wandte sich an Marcus. „Bringen Sie Miss Hartwell nach Hause. Und Marcus?“ „Ja, Boss?“ „Stellen Sie sicher, dass sie morgen früh pünktlich im Büro ist. Wir haben viel zu besprechen.“ Elena starrte ihn an, unfähig zu begreifen, was gerade geschehen war. Sie sollte gehen, sie sollte laufen, so schnell sie konnte, nie wieder zurückblicken. Aber etwas in Adrians Augen, etwas, das sie nicht benennen konnte, hielt sie fest. „Was werden Sie mit mir machen?“ fragte sie, und ihre Stimme war nur noch ein Flüstern. Adrian drehte sich um, bereits auf dem Weg zurück in den Raum, und warf einen letzten Blick über seine Schulter. In dem gelben Licht des Konferenzraums sah sein Gesicht aus wie das eines Engels, der aus der Hölle geflohen war. „Morgen, Miss Hartwell. Wir reden morgen.“ Und dann war er verschwunden, die Tür schloss sich hinter ihm, und Elena stand allein im Korridor mit einem Mann, der getötet hatte, und dem Wissen, dass ihr Leben, so wie sie es kannte, mit diesem Moment zu Ende gegangen war. Marcus legte eine Hand auf ihren Ellbogen, sanfter, als sie erwartet hatte. „Kommen Sie, Miss Hartwell. Ich bringe Sie nach Hause.“ Elena ließ sich führen, wie ein Schlafwandler, durch den Korridor, durch die Tür, in den Aufzug, der diesmal kam, als hätte er nur auf sie gewartet. Sie starrte auf ihre Spiegelung in den polierten Türen, ein Gesicht, das blass und fremd aussah, Augen, die zu groß waren, zu dunkel, voller einer Angst, die sie noch nie gekannt hatte. Als sie auf der Straße stand, die kühle Nachtluft auf ihrer Haut, die Lichter Manhattans um sie herum wie ein falscher Himmel voller Sterne, da wusste Elena eines mit absoluter Gewissheit: Adrian Blackwood würde nicht ruhen, bis er wusste, wie viel sie gehört hatte. Und wenn er es herausfand, würde er alles tun, um sie zum Schweigen zu bringen. Sie griff in ihre Tasche, um ihr Handy zu holen, um die Polizei anzurufen, um jemandem zu erzählen, was sie wusste. Aber ihre Tasche war leer. Sie war leer, und Elena erinnerte sich, dass Marcus neben ihr im Aufzug gestanden hatte, dass er sie kurz berührt hatte, als sie ausgestiegen waren. Ihr Handy war weg. Ihr Handy, ihre einzige Verbindung zur Welt, zu Hilfe, zu Sicherheit, war verschwunden. Und als sie aufblickte, um ein Taxi zu rufen, um einfach nur wegzukommen, so weit wie möglich, da sah sie am Ende der Straße ein schwarzes Auto, das langsam vorbeifuhr. Getönte Scheiben, aber Elena wusste, wer darin saß. Sie spürte seinen Blick auf ihrer Haut wie eine physische Berührung. Das Auto verschwand in der Nacht, und Elena stand allein da, mit leeren Händen und einem Herzen, das vor Angst raste. Sie hatte keine Ahnung, dass dies erst der Anfang war. Dass morgen ein Vertrag auf sie warten würde, ein Vertrag, der ihre Freiheit kosten würde. Dass sie in weniger als vierundzwanzig Stunden ihr Apartment, ihre Arbeit, ihr ganzes Leben hinter sich lassen würde. Und sie hatte keine Ahnung, dass der Mann, der sie beobachtete, der Mann, der morgen ihr Herr und Meister sein würde, bereits wusste, dass sie seine größte Schwäche werden würde. Elena drehte sich um und rannte. Sie rannte, bis ihre Lungen brannten, bis ihre Füße schmerzten, bis sie vor ihrer Haustür stand und mit zitternden Händen nach ihren Schlüsseln griff. Aber die Tür war bereits offen. Und im Flackern des Lichts, das von innen drang, sah sie eine Silhouette, die auf sie wartete.Der Herbst kam früh in diesem Jahr, oder vielleicht war es kein Herbst, sondern etwas anderes – eine Veränderung in der Substanz der Welt, die die Blätter gelb werden ließ, bevor ihre Zeit gekommen war, die das Meer kälter machte, bevor der Winter es forderte, die die Vögel verstummte, bevor ihre Lieder zu Ende waren. Elena spürte es in der Formel, in dem Teil von ihr, der noch immer mit den Alten verbunden war, der noch immer die Brücke war, die sie nicht schließen konnte, nicht wollte, nicht durfte.Die Neuankömmlinge – sie nannten sie nicht mehr Alten, nicht in ihrer Gegenwart, nicht in den Gesprächen, die sie führten, als wäre das Wort ein Fluch, ein Tabu, ein Erinnerung an etwas, das sie hinter sich lassen wollten – hatten sich angepasst, oder versucht es zumindest. Kai arbeitete im Garten, seine Hände, die einst aus Licht gewesen waren, nun schmutzig von Erde, seine Finger, die einst Formen gewechselt hatten, nun fest um eine Hacke gelegt. Mira sang in den Abendstunden, ihre Sti
Der erste von ihnen kam in der Dämmerung, wenn man es Dämmerung nennen konnte – jenen seltsamen Moment zwischen Tag und Nacht, in dem die Welt unscharf wird und die Grenzen sich verwischen. Elena stand auf der Veranda, Adrian neben ihr, ihre Hände verbunden durch das Band, das nun sichtbar war, ein silbernes Leuchten, das ihre Finger umschlang wie ein Versprechen aus Licht.Sie spürte seine Ankunft, bevor sie ihn sah. Ein Ziehen in der Brust, ein Pochen in den Schläfen, ein Echo der Formel, die in ihr lebte und nun auch in ihm, in dem Raum zwischen ihnen, in der Welt, die sich öffnete. Das Meer war ruhig, zu ruhig, eine Oberfläche aus Glas, die den Himmel reflektierte und darunter etwas verbarg, das älter war als beides.Dann trat er aus dem Wasser.Nicht schwamm. Nicht tauchte auf. Sondern trat, als wäre das Meer eine Tür, als wäre die Grenze zwischen Luft und Wasser nur eine Illusion, die er nicht mehr anerkannte. Er war groß, größer als ein Mensch, aber nicht bedrohlich, nicht mäch
Die drei Wochen nach Elenas Erwachen vergingen in einem Rhythmus, der fremd war, ungewohnt, fast menschlich. Sie schlief jetzt – nicht viel, nicht tief, aber genug, um Träume zu haben, um zu vergessen, um zu erinnern. Sie aß – nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Lust, aus Gewohnheit, aus der Freude am Geschmack, der Textur, der Wärme. Sie alterte nicht, aber sie veränderte sich. Ein Haarstrich hier, eine Falte dort, so winzig, so unmerklich, dass nur sie ihn sah, nur sie ihn spürte, nur sie ihn fürchtete und willkommen hieß zugleich.Adrian veränderte sich auch. Er war stärker geworden, schneller, seine Wunden heilten nun in Tagen statt in Wochen, seine Krankheiten wichen schneller, seine Müdigkeit war weniger. Aber er war nicht unsterblich. Sie spürte es in der Verbindung, in dem Band, das sie teilten – das Pochen seiner Sterblichkeit, das sanfte Ticken einer Uhr, die irgendwann ablaufen würde, irgendwann, in fünfzig Jahren, in hundert, in zweihundert. Sie wusste es nicht genau. Nie
Die Dunkelheit war nicht leer. Sie war voll – voll von Stimmen, die keine Worte sprachen, voll von Bildern, die keine Form hatten, voll von einer Präsenz, die keine Gestalt besaß. Elena trieb darin, nicht schwimmend, nicht fallend, nur existierend, ein Teil des Nichts, das alles umgab.Sie träumte, wenn man es Träumen nennen konnte. Sie sah Adrian, jung und alt zugleich, sein Gesicht verzerrt, seine Augen – eines dunkel, eines golden – die sie ansahen mit einer Mischung aus Liebe und Entsetzen. Sie sah ihre Mutter, Isabella, die nicht krank war, sondern strahlend, gesund, jung, die Hand ausgestreckt, aber zu weit entfernt, um zu erreichen. Sie sah Thomas, Cornelius, Julian, alle die Toten und die Halbtoten und die, die zwischen den Welten hingen, alle mit demselben Ausdruck, derselben Bitte, demselben unausgesprochenen Flehen.Und sie sah sich selbst. Nicht im Spiegel, nicht in einem Traum, sondern als separate Entität, ein Wesen aus Licht und Schatten, das neben ihr trieb, das sie an





