ログインLiesel schloss die Augen. Eine Träne rollte über ihre Wange. Viktor legte den Arm um sie.„Ich habe immer gewusst, dass sie nie wirklich gegangen ist“, sagte Liesel leise. „Sie war nur... woanders.“Viktor nickte. „Der Mond nimmt nichts weg. Er verschiebt nur.“An diesem Abend sang das Rudel anders. Nicht nur für die Vergangenen. Auch für die, die nie ganz gekommen waren. Mira führte den Gesang an. Ihre Stimme war hoch und klar. Runa fiel ein. Tief und warm. Elias summte. Torvald klopfte den Rhythmus mit dem Stock auf den Boden. Aethera webte weiter, doch ihre Finger bewegten sich im Takt. Selene stand am Rand, die blauen Blumen in den Haaren nickten mit.Der Baum sang mit. Die neuen Blätter zitterten. Die Früchte leuchteten. Und irgendwo in der Krone, tief verborgen, leuchtete die neue Frucht mit. Golden. Warm. Vollendet.Die Jahre fielen weiter. Doch nun fielen sie nicht nur nach unten. Sie fielen auch nach innen. In die Wurzeln. In die Erde. In das, was unter dem Hof lag.Eines Tag
Die Lieder hatten sich verändert. Früher waren sie wie ein sanfter Strom gewesen, der über die Oberfläche floss und Erinnerungen mit sich trug. Nun kamen sie aus der Tiefe. Aus den Wurzeln. Aus der Erde selbst. Der Schattenbaum hatte aufgehört, nur in die Höhe zu wachsen. Seine Wurzeln breiteten sich aus, unsichtbar für das Auge, aber spürbar für jeden, der barfuß ging. Wer den Hof betrat, spürte es sofort. Ein leises Ziehen unter den Sohlen. Ein Flüstern, das nicht durch die Ohren kam, sondern durch die Knochen.Eira war einundzwanzig. Ihre Augen hatten die Farbe von altem Mondlicht angenommen, silbern mit einem Hauch von Grau, als hätte sie zu viel gesehen und zu wenig vergessen. Sie trug jetzt ein Kleid aus gewebtem Schattenstoff, den Aethera in den langen Nächten gewoben hatte. Der Stoff war leicht, fast durchsichtig, doch er hielt warm, selbst wenn der Wind aus dem Norden kam und Schnee wie Nadeln trieb. Ihre Haare fielen ihr bis zur Taille, und sie flocht sie nicht mehr. Sie lie
Jahre vergingen. Eira wurde achtzehn. Nun war sie keine Führerin mehr nur für die Kinder. Das Rudel schaute zu ihr. Nicht weil sie stark war. Sondern weil sie hörte. Weil sie wählte.Eines Winters, als der Schnee so hoch lag, dass die Hütten fast darin versanken, kam ein Fremder.Er war kein Wolf. Nicht ganz. Seine Augen waren zu hell. Sein Gang zu leise. Er trug einen Mantel aus dunklem Fell, das nicht von einem Tier stammte, das hier lebte. Er kam durch den Nebel, als hätte der Nebel ihn geboren.Das Rudel bemerkte ihn sofort. Wachen stellten sich auf. Viktor trat vor das Haus. Liesel neben ihm. Eira trat aus dem Kreis der Kinder.Der Fremde blieb am Rand des Hofs stehen. Er schaute zum Baum. Lange. Sehr lange.„Ich habe das Lied gehört“, sagte er schließlich. Seine Stimme war tief. Rau. Alt.„Welches Lied?“, fragte Eira.„Das goldene. Das von Calder.“Viktor knurrte leise. „Wer bist du?“Der Fremde zog die Kapuze zurück. Sein Haar war weiß. Nicht silbern. Weiß wie Schnee, der nie s
Die Jahre sangen weiter, aber nun sangen sie in anderen Tonlagen. Der Schattenbaum hatte seine Krone so weit ausgebreitet, dass sie den gesamten Hof wie ein lebendiges Dach überspannte. Im Sommer filterte das Licht in silbernen Streifen hindurch, im Winter fing der Schnee sich in den Ästen und fiel in leisen Lawinen herab, wenn der Wind nur leise flüsterte. Die Früchte reiften nun nicht mehr nur einmal im Jahr. Sie kamen in Wellen, unvorhersehbar, als hätte der Baum gelernt, dass Erinnerungen nicht auf Jahreszeiten warten.Eira war fünfzehn geworden. Ihre Gestalt hatte sich gestreckt, die kindliche Weichheit war schärferen Linien gewichen. Die silbernen Strähnen in ihrem dunklen Haar hatten sich vermehrt, als hätte jemand flüssiges Mondlicht hineingegossen. Sie trug keine Schuhe mehr, nie. Ihre Sohlen waren hart geworden wie die Rinde des Baums, und wo sie ging, sprossen winzige silberne Gräser nach, die nach ein paar Tagen wieder verschwanden. Die Kinder, die einst klein gewesen ware
„Die Kleine hat wieder gesungen“, sagte sie und nickte zu Mira. „Der Wind hat es bis zum Fluss getragen. Die Fische sind hochgesprungen. Als wollten sie mitsingen.“Viktor lächelte schief.„Dann singen wir bald alle.“Torvald saß auf der Treppe des Hauses. Er schnitzte immer noch. Keine Wölfe mehr. Kleine Figuren von Kindern. Von Bäumen. Von Händen, die sich hielten. Er hob eine hoch. Ein Mädchen mit langen Haaren und einem Lächeln.„Das ist Eira“, sagte er. „So, wie sie war, als sie den Schatten gehalten hat.“Aethera webte drinnen. Der Teppich war jetzt riesig. Er bedeckte fast den ganzen Boden des großen Raums. Blaue Fäden, grüne, rote, goldene, silberne. Und jetzt schwarze. Dünne schwarze Fäden, die sich durch alles zogen, aber nicht als Risse. Als Nähte. Als etwas, das hielt.„Ich habe den Schatten eingewebt“, sagte sie, als Viktor hereinkam. „Nicht versteckt. Offen. Damit wir ihn sehen. Damit wir ihn nicht vergessen.“Viktor nickte.„Gut.“Selene war inzwischen erwachsen. Groß.
Die Jahre fielen wie Blätter vom Schattenbaum, langsam zuerst, dann in einem sanften, unaufhaltsamen Strom. Der Baum wuchs nicht mehr so wild wie in den ersten Sommern nach der Nacht der Wahl. Seine Äste streckten sich jetzt bedächtiger, die silbernen Adern in den Blättern wurden feiner, fast durchsichtig, als würde das Licht hindurchscheinen und nicht reflektiert werden. Die Früchte kamen seltener, aber wenn sie fielen, schmeckten sie intensiver: nach einem bestimmten Lachen, nach einem bestimmten Regen, nach einem bestimmten Blick, den jemand vor langer Zeit geworfen hatte. Niemand aß sie mehr sofort. Man hob sie auf, legte sie in kleine Schalen aus gebranntem Ton, ließ sie trocknen, bis sie hart wurden wie Perlen. Dann trug man sie bei sich, in Taschen, an Schnüren um den Hals, als stille Begleiter.Eira war jetzt zwölf. Ihre Haare reichten bis zur Hüfte, dunkel mit silbernen Strähnen, die im Sonnenlicht glänzten wie die Adern des Baums. Sie ging barfuß über den Hof, auch im Winter
Die große Halle der Sturmherzfestung lag in gespenstischer Stille da. Die Kerzen flackerten noch immer, doch ihr Licht schien schwächer geworden zu sein, als hätte der Wind aus der Nacht sie mit Kälte gefüllt. Überall lagen Körper. Einige regten sich langsam, stöhnten, setzten sich auf. Andere blie
Der Mond stand hoch und voll über den Bergen, als ob er selbst Zeuge werden wollte. Im Rudelhaus herrschte Totenstille. Nach Viktors Erklärung und dem Kuss, der wie ein Donnerschlag durch die Halle gefahren war, hatte niemand mehr gesprochen. Die Tische standen noch mit den Resten des Festmahls, Ke
Die zweite Nacht nach der Begegnung der Blicke war kälter als jede andere in diesem Winter. Der Schnee fiel in dichten, lautlosen Flocken und legte sich wie ein weißes Leichentuch über das Rudelhaus. Liesel lag wach in ihrer winzigen Kammer, die Decke bis zum Kinn hochgezogen, doch die Kälte kam ni
In den kalten Hallen des alten Rudelhauses, hoch oben in den schneebedeckten Bergen des Nordens, wo der Wind wie ein hungriges Tier heulte, lebte Liesel als Unsichtbare. Sie war die Bastardtochter des mächtigen Alphas, geboren aus einer verbotenen Nacht mit einer menschlichen Frau, die längst verge







