MasukDer Morgen nach der Hochzeit brachte keine Ruhe.Mia wachte auf, weil ihr Telefon vibrierte, früh, vor sieben, was niemand tat, der wusste, was gestern gewesen war.Sie sah den Namen.Reiter.Sie setzte sich auf.Lukas wachte auch auf, spürte ihre Bewegung.„Was ist?" fragte er.„Reiter," sagte Mia, und öffnete die Nachricht.Sie las sie zweimal.Dann reichte sie Lukas das Telefon.Die Nachricht lautete: Die Gruppe im Westen ist gespalten. Drei wollen jetzt sofort kommen, heute wenn möglich. Die vier anderen haben gedroht, alles öffentlich zu machen, wenn die drei gehen. Mit öffentlich meinen sie: an Eisenberg. Ich brauche eine Antwort.Lukas las es zweimal.Sah Mia an.„Das ist kein Zufall," sagte er. „Eisenberg."„Vielleicht," sagte Mia. „Vielleicht auch nur Angst, die einen Ausweg sucht."Sie stand auf.Der Hochzeitstag war vorbei.Das Leben war schon wieder da.---Sie riefen Reiter um halb acht zurück.Mia sprach, Lukas hörte zu, beide im Bett noch, die Decke um sie, die Aprilkäl
Der Morgen der Hochzeit kam grau.Nicht der freundliche Grau des frühen Morgens, der sich in Blau verwandelte, wenn die Sonne aufging. Ein echter Grau, der blieb. Die Wolken, die tief hingen und keine Absicht zeigten, sich zu bewegen.Mia stand am Fenster und sah hinaus.Der Garten. Der Apfelbaum, dessen Blüten im windstillen Grau anders leuchteten als im Sonnenlicht. Weicher. Echter.Das war in Ordnung.---Hedda kam kurz nach sechs.Das war früher als sonst.Sie trat durch die Hintertür, hängte den Mantel auf, sah Mia am Küchentisch.Sagte nichts.Setzte Wasser auf.Machte Kaffee.Stellte die Tasse vor Mia hin.Dann setzte sie sich.Auch das war ungewöhnlich. Hedda saß selten, wenn andere saßen.„Wie geht es dir?" fragte Hedda.Mia sah sie an.Die echte Frage. Nicht die höfliche.„Ich weiß es nicht," sagte Mia ehrlich.Hedda nickte.Das Nicken von jemandem, die das erwartet hatte.„Das ist richtig," sagte Hedda.„Warum?"„Weil jemand, der weiß, wie er sich an seinem Hochzeitstag füh
Klaus kam am zwanzigsten.Wie angekündigt.Mit Bello, der aus dem Taxi sprang und sofort zur Auffahrt lief, als wäre er nie weg gewesen, als wäre das Anwesen sein Territorium, das er kannte und das er begrüßte.Klaus stieg aus.Sah das Anwesen an.Dann sah er den Apfelbaum, der jetzt vollständig blühte, das Weiß der Blüten, das im Aprilmorgen leuchtete.„Ich bin pünktlich," sagte Klaus.„Ja," sagte Mia. „Der Baum auch."---Die Woche vor der Hochzeit war voll.Nicht mit Vorbereitung im aufwendigen Sinn. Mit dem Ankommen der Menschen. Mit dem Füllen des Anwesens, das sich anders anfühlte, wenn viele da waren.Alva kam am zweiundzwanzigsten.Lars holte sie vom Bahnhof.Sie trat durch die Haustür und blieb einen Moment stehen, den Geruch des Anwesens in sich aufnehmend, den sie kannte, weil sie jetzt öfter hier war.Dann sah sie Klaus.Die zwei kannten sich nicht.Aber das Kribbeln von Alva erkannte Klaus auf eine Art, die Mia interessant fand.Nicht das Mondwächterwissen.Das Blut.Alva
Es begann mit einem Telefonat.Mia hörte es nicht. Sie war im Garten, der Apfelbaum, die Blüten, die täglich mehr wurden. Lukas war drin, im Arbeitszimmer, die Tür geschlossen.Das war nicht ungewöhnlich.Lukas führte viele Gespräche, als Alpha, als Mensch, als jemand, der Verantwortung trug, die nicht aufhörte, nur weil Eisenberg gegangen war.Was ungewöhnlich war, war sein Gesicht, als er rauskam.Mia sah ihn durch das Küchenfenster kommen.Das Kribbeln registrierte ihn, wie es ihn immer registrierte, die vertraute Frequenz.Aber die Frequenz war anders.Nicht alarm. Nicht gefährlich.Schwerer.---Sie wartete.Das hatte sie gelernt. Nicht sofort fragen. Ihm Zeit geben, das zu sagen, wenn er bereit war.Lukas setzte sich.Hedda brachte Kaffee, ohne gefragt zu werden, weil Hedda das tat.Er trank.Schwieg.Dann: „Das war Eisenberg."Mia sah ihn an.„Er hat dich angerufen?"„Ja."„Was wollte er?"Lukas sah auf die Tasse.Das war das Zeichen. Wenn Lukas auf die Tasse sah, war das, was
Die Knospen am Apfelbaum öffneten sich langsam.Mia sah sie jeden Morgen an, wenn sie den Kaffee holte und kurz durch das Küchenfenster schaute. Nicht lange. Nur kurz genug, um zu sehen, ob sich etwas verändert hatte.Jeden Morgen ein bisschen mehr.Das war gut.---Das Leben hatte nach Eisenbergs Besuch seinen Rhythmus zurückgefunden.Nicht denselben wie davor, das war nie so, wenn etwas Wichtiges passiert war. Aber einen stabilen Rhythmus.Das Rudel arbeitete.Felix koordinierte.Britta schrieb.Hedda kochte.Gregor las die Zeitung und legte sie manchmal hin.Das Gewöhnliche, das das Fundament war.---Jana kam an einem Dienstag.Sie klopfte an die Hintertür.Das war jetzt ihr Muster.Sie setzte sich, trank den Kaffee, den Mia hinstellte, und sah Mia an.„Ich möchte etwas fragen," sagte Jana.„Frag."„Die Hochzeit," sagte Jana. „Ich habe gehört, dass sie bald ist."„Ende April," sagte Mia.Jana schwieg einen Moment.Das Kribbeln von ihr, das Mia kannte, war anders als sonst. Nicht ä
Lukas hielt sein Wort. Das Rudeltreffen fand an einem Donnerstagabend statt, eine Woche nach Eisenbergs Besuch. Nicht alle Mitglieder kamen, das war nie so, aber genug. Die Menschen, die das Rudel ausmachten, die, die da waren, wenn es darauf ankam. Der große Salon war voll. Mia saß neben Lukas, nicht hinter ihm, nicht einen Schritt zurück. Neben ihm. --- Lukas begann nicht mit einem Bericht über Eisenberg. Das überraschte viele. Er begann mit etwas anderem. „Ich möchte euch etwas sagen," sagte Lukas. „Bevor wir über Eisenberg sprechen. Bevor wir über das sprechen, was als nächstes kommt." Er machte eine kurze Pause. Der Raum war still. „Ich habe in den letzten Monaten Fehler gemacht," sagte Lukas. „Entscheidungen getroffen, ohne zu fragen. Dinge angesetzt, ohne zu informieren. Das ist das Alpha-Muster, das ich dreizehn Jahre lang hatte, und das ich noch immer manchmal habe." Stille. Die Art von Stille, die entstand, wenn etwas Unerwartetes gesagt wurde. „Ich sage das
Mia merkte es beim Frühstück.Nicht sofort. Zuerst war es nur ein Gefühl, so dünn und unscharf wie Nebel am frühen Morgen, ein leises Unbehagen, das sie nicht benennen konnte. Sie stand am Herd und rührte den Haferbrei für Frau Brenner, ihre Bewegungen automatisch und vertraut, während der Rest ihr
Der Brief war zwei Seiten lang. Mia las ihn langsam. Dann noch einmal. Und ein drittes Mal, weil ihre Augen beim ersten Durchgang über Wörter hinweggeglitten waren, die zu schwer waren, um sofort zu landen. Die Handschrift ihrer Mutter war so, wie sie sie in Erinnerung hatte. Rund und gleichmäßi
Mia kam kurz vor dem Abendessen zurück.Sie benutzte die Hintertür, wie immer, und stieg die enge Treppe hinauf, die zum Dachgeschoss führte. Jede Stufe kannte sie auswendig. Die dritte quietschte. Die siebte war einen halben Zentimeter höher als die anderen und man stolperte, wenn man nicht aufpas
Wer ich wirklich bin?Mia wiederholte die Worte langsam, als würde sie sie in einer fremden Sprache sprechen. Der Wald war still um sie herum. Irgendwo zwitscherte ein Vogel, weit oben in den Ästen. Der Boden unter ihren Füßen war noch feucht vom Regen der letzten Nacht, und die Luft roch nach nass







