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Kapitel 2 - Das Testament

Author: Nessa Noir
last update publish date: 2026-07-23 01:17:19

Die schwere Holztür fiel hinter mir mit einem dumpfen Schlag ins Schloss.

Das Geräusch hallte durch die Eingangshalle und verschluckte jedes

andere Geräusch.

Für einen Augenblick blieb ich regungslos stehen. Die

Luft roch nach altem Holz, Kaminfeuer und etwas Süßlichem, das ich nicht einordnen konnte.

Rosen.

Irgendwo mussten frische Rosen stehen.

Ich drehte mich langsam um.

Die Tür wirkte plötzlich viel größer als noch vor wenigen Sekunden.

Der Regen prasselte gegen die hohen Fenster, doch hier drinnen war alles unnatürlich still.

»Bitte folgen Sie mir«, sagte Dr. Samuel Keller.

Ich nickte und ging hinter ihm her.

Unsere Schritte hallten über den

dunklen Marmorboden.

Rechts und links hingen Gemälde von Menschen, deren ernste Blicke mir folgten.

»Sind das alles Moreaus?«, fragte ich.

»Ja.«

»Sie sehen nicht besonders glücklich aus.«

Dr. Keller lächelte höflich.

»Die Familie war nie dafür bekannt, ihre Gefühle offen zu zeigen.«

Lucien sagte kein Wort. Er lief einige Meter hinter uns und beobachtete jede meiner Bewegungen.

Die Bibliothek war größer als meine gesamte Wohnung. Hohe Bücherregale

reichten bis zur Decke. Ein Feuer knisterte im Kamin.

In der Mitte stand ein schwerer Eichentisch.

Darauf lagen mehrere Dokumente und ein dunkelroter Umschlag mit einem

goldenen Wachssiegel.

»Bitte setzen Sie sich.«

Ich ließ mich auf einen Stuhl sinken.

Dr. Keller öffnete eine Mappe.

»Frau Hartmann, laut dem letzten Willen von Vivienne Moreau erben Sie

fünfzig Prozent von Blackwood Manor, einschließlich der Kunstsammlung,

des Grundstücks und eines Anteils am Familienvermögen.«

Ich starrte ihn an.

»Das muss ein Irrtum sein.«

»Nein.«

»Ich kenne diese Frau nicht.«

»Vielleicht nicht bewusst.«

Ich runzelte die Stirn.

»Was soll das heißen?«

Bevor der Notar antworten konnte, meldete sich Lucien.

»Es bedeutet, dass manche Wahrheiten sehr lange verborgen bleiben.«

Ich sah ihn an.

»Sie sprechen ständig in Rätseln.«

»Weil Sie die Antworten noch nicht hören wollen.«

Seine Ruhe machte mich wahnsinnig.

Ich wandte mich wieder dem Notar zu.

»Was ist die Bedingung? Es gibt doch bestimmt eine.«

Dr. Keller nickte.

»Sie müssen Blackwood Manor für zwölf aufeinanderfolgende Monate zu

Ihrem Hauptwohnsitz machen. Sollten Sie das Anwesen dauerhaft verlassen,

verlieren Sie Ihren gesamten Erbanspruch.«

»Und dann?«

»Dann fällt Ihr Anteil vollständig an Herrn Moreau.«

Langsam verstand ich, warum Lucien mich am Tor hatte wegschicken wollen.

Er profitierte davon, wenn ich ging.

»Sie müssen jetzt nichts unterschreiben«, sagte Dr. Keller.

»Doch.«

Ich griff nach dem Füller.

Lucien trat einen Schritt näher.

»Überlegen Sie es sich.«

»Warum?«

»Weil dieses Haus Menschen verändert.«

»Oder weil Sie Angst haben, Ihr Erbe zu verlieren?«

Zum ersten Mal blitzte Wut in seinen Augen auf.

Doch sie verschwand genauso schnell wieder.

Ich setzte meine Unterschrift unter das Testament.

Der Notar schloss die Mappe.

»Damit ist die Erbschaft offiziell angenommen.«

Er schob mir den roten Umschlag zu.

»Diesen Brief hat Vivienne Moreau ausschließlich für Sie hinterlassen.«

Meine Hände wurden plötzlich feucht.

Langsam brach ich das Wachssiegel.

Das Papier war vergilbt.

Darauf stand nur ein kurzer Text.

"Elena,

wenn du diesen Brief liest, habe ich nicht mehr viel Zeit gehabt.

Du wirst glauben, dass ich dir Unrecht getan habe.

Vielleicht stimmt das sogar.

Aber glaube niemals, dass alles Zufall war.

Traue niemandem.

Nicht einmal Lucien.

Und ganz besonders nicht dem Haus.

V.  "

Mein Herz schlug schneller.

Ich las den letzten Satz noch einmal.

Nicht dem Haus.

Ich hob den Kopf.

Lucien beobachtete mich aufmerksam.

»Was hat sie geschrieben?«, fragte er.

Ich faltete den Brief sorgfältig zusammen.

»Nichts.«

Er lächelte schwach.

»Dann warne ich Sie stattdessen.«

»Wovor?«

»Vor Blackwood Manor.«

Noch bevor ich antworten konnte, erschütterte ein lauter Knall das

gesamte Haus.

Irgendwo über uns splitterte Glas.

Ich zuckte zusammen.

Dr. Keller sprang erschrocken auf.

Lucien hingegen blieb völlig ruhig.

Er sah nur zur Decke.

»Bleiben Sie hier«, sagte er und verließ schnellen Schrittes die

Bibliothek.

Kaum war die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen, flackerte das Licht.

Der Kamin knisterte lauter.

Und für den Bruchteil einer Sekunde hätte ich schwören können, dass sich

eines der Gemälde an der Wand bewegt hatte.

Ich blinzelte.

Das Bild war wieder reglos.

Doch auf dem Rahmen entdeckte ich etwas, das vorher nicht dort gewesen

war.

Mit zittrigen Fingern trat ich näher.

Jemand hatte mit frischer Tinte zwei Worte darauf geschrieben.

Sie ist zurück.

 

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