LOGINBlanche Die zweite Nacht in diesem Haus, und ich schlafe noch immer nicht. Das Zimmer ist schön, von einer nüchternen und eleganten Schönheit, die nichts dem Zufall verdankt. Leinenlaken von mineralischer Frische, die bei der geringsten Bewegung rascheln. Mit perlgrauem Samt bespannte Wände, die Licht und Schall absorbieren. Ein Strauß weißer Lilien auf der Mahagonikommode, ihre Blütenblätter von wächserner Blässe, ihr betörender Duft, der selbst nachts den Raum erfüllt. Ein vergoldeter Käfig, dessen Tür nicht abgeschlossen ist. Sie muss es nicht sein. Das Halsband genügt, um mich gefangen zu halten. Am Morgen stellt Madame Harlow ein silbernes Tablett auf den Nachttisch. Frische, gewürfelte Früchte, ein Hauch von goldenem Honig, dampfender Tee in einer Porzellankanne, ein winziges Croissant, das unter dem Zahn zerbröselt. Kein Fleisch, kein raffinierter Zucker, nichts, was Körper oder Geist beschweren k
Das Wort kommt diesmal leichter. Noch immer obszön, noch immer verboten, aber leichter. Wie eine Tür, die sich jedes Mal, wenn man sie aufstößt, ein bisschen weiter öffnet. Seine Hand zieht sich zurück. Die Kälte kehrt in Wellen an die Stelle zurück, wo seine Handfläche lag. Er kommt wieder vor mich, geht in die Hocke, sein Gesicht auf Höhe meines. Seine Augen sind nicht mehr kalt. Sie sind brennend jetzt, verkohlt vor Verlangen und etwas anderem – ein Riss, ein Sprung, eine Menschlichkeit, die er schlecht verbirgt und die mir den Atem raubt. — Steh auf. Ich gehorche. Meine Beine zittern, taub von der knienden Position, geschwächt von der Spannung. Ich schwanke, und seine Hand legt sich auf meinen Ellbogen, um mich zu stabilisieren. Fest. Warm. Erstaunlich beruhigend. Dann hebt er zwei Finger, legt sie auf meine Lippen. Eine einfache, gebieterische, schrecklich intime Geste
Das Wort ist eine Mauer. Eine Mauer aus Scham, Widerstand, Prinzipien. Ich bin Blanche Sterling. Journalistin. Feministin. Freie Frau. Ich bin keine Frau, die einen Mann auf einem Steinboden kniend "Daddy" nennt, nackt unter einem Seidentop, mit einem Lederhalsband um den Hals. Aber ich bin heute Abend nicht mehr Blanche Sterling. Blanche Sterling hat einen Vertrag unterschrieben, der vorsieht, dass ich diesen Mann mit dem von ihm gewählten Titel ansprechen muss. Blanche Sterling hat akzeptiert, eine Novizin zu sein, ein Ding, ein Territorium. Blanche Sterling existiert nicht mehr, für die nächsten dreißig Tage, außer als Ausdehnung des Willens dieses Mannes. Ich öffne die Augen. Er überragt mich, Schattenstatue, geduldig und unerbittlich. Sein Daumen streichelt den Rand meiner Unterlippe, eine fast zärtliche Geste, die heftig mit der Härte seines Blickes kontrastiert. Keine Drohung. Ein Warten. Eine stum
Ein massiver Stuhl aus dunklem Holz, mit hoher Rückenlehne wie ein mittelalterlicher Thron. Die Armlehnen sind breit, durch Gebrauch poliert. Die Füße sind mit Mustern beschnitzt, die ich nicht erkenne. Ein Stuhl, der scheinbar schon immer da war, der Teil des Steins, der Stille, des Halbdunkels zu sein scheint. Er steht neben dem Stuhl. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, der Kragen offen über seinem kräftigen Hals. Dieselbe nüchterne Eleganz wie beim ersten Mal, dieselbe Aura absoluter Kontrolle. Er hält nichts in den Händen, macht keine Geste. Er wartet einfach, die Arme am Körper entlang, den Blick auf die Tür gerichtet, durch die ich gerade eingetreten bin. Auf mich. Er sagt nichts. Er mustert mich. Sein Blick geht von meinem zum Knoten hochgesteckten Haar aus, wandert meinen freigelegten Nacken hinab, verweilt auf dem schwarzen Lederhalsband, gleitet über meine Schultern, a
Madame Harlow richtet ihre grauen Augen auf mich. Zum ersten Mal, seit ich angekommen bin, sieht sie mich wirklich an, nicht wie ein vorzubereitendes Objekt, sondern wie ein menschliches Wesen, das einer Gefahr entgegengeht, die es vielleicht nicht ermisst. Ihr Gesicht bleibt unbewegt, aber etwas in ihrem Blick wird weicher, dunkler. — Der Vertrag, den Sie unterzeichnet haben, sieht keine Verweigerungsklausel vor, Miss Sterling. Sie haben die Regeln in ihrer Gesamtheit akzeptiert. Es gibt kein Zurück mehr. Nicht jetzt. Nicht nach dem Ritual. Sie wendet sich zur Tür, öffnet sie, hält auf der Schwelle inne. Das Licht des Korridors zeichnet ihre starre Silhouette nach. — Ein Rat, den ich allen Novizinnen vor ihrer ersten Sitzung gebe, obwohl wenige wirklich darauf hören. Fordern Sie ihn niemals direkt heraus. Er kann geduldig sein. Seine Geduld wurde durch jahrelange Praxis geprüft. Aber sie hat G
Das Wasser ist brennend heiß, fast unerträglich. Ich tauche einen Fuß ein, unterdrücke einen Schmerzensausruf, dann versinke ich langsam, Zentimeter für Zentimeter, lasse die Hitze meine Haut verzehren. Meine Waden, meine Schenkel, mein Bauch, meine Brust, meine Schultern. Die Verbrennung ist zuerst eine Tortur, dann eine Betäubung, dann eine seltsame Wollust. Die Rosenblätter treiben um mich herum, heften sich an meine Brüste, an meine Arme, an meine Kehle. Der süßliche Geruch steigt mir in die Nase, betörend, fast ekelerregend. Ich atme durch den Mund, um nicht zu ersticken. Madame Harlow holt aus einem Schrank einen schwarzen Rosshaarhandschuh und eine dicke, dunkle, kaum schäumende Seife. Sie kniet neben der Wanne nieder, krempelt ihre schwarzen Ärmel mit einer präzisen Geste hoch und beginnt, mich zu waschen. Ihre Hände sind fest, erfahren, unpersönlich. Sie schrubbt meine Schultern mit der Kraft einer Wäscherin, a







