LOGINJulian erstarrte in der weit geöffneten Tür. Seine kalten blauen Augen fixierten den rosafarbenen Stoff, der auf dem dicken Teppich verstreut lag. Er blickte auf die scharfe silberne Schere in Mayas Hand. Sein Gesicht lief dunkelrot an. Schnell trat er in den großen, hellen Raum.
„Was hast du mit dem teuren Kleid gemacht?“, brüllte er laut.
Maya zuckte nicht einmal vor seiner rauen, dunklen Stimme zurück. Sie legte die silberne Schere auf die glatte Matratze. Stolz hob sie das geänderte Kleid auf.
„Ich habe deinen hässlichen rosa Fehler korrigiert“, sagte sie ihm trocken. „Ich bin Designerin und kenne mich mit gutem, gewagtem Stil aus.“
Julian rieb sich mit einer großen Hand den Kiefer. Er sah aus wie ein wildes Tier, bereit zum Angriff.
„Du hast ein Kleid zerstört, das mehr wert ist als dein Leben. Wir brechen in einer Stunde zum großen Ball auf. Du hast nichts, was du auf dieser schicken Party anziehen sollst.“
Maya schenkte ihm ein scharfes, feuriges Lächeln.
„Warte hier und schließ deine wütenden blauen Augen.“
Sie nahm den Stoff, den sie festgesteckt hatte, und ging in das große, glänzende Badezimmer. Sie schlüpfte aus ihren billigen Kleidern und zog das Kleid an. Es schmiegt sich wie eine zweite Haut an ihre zierlichen Kurven. Der hohe Schlitz gab den Blick auf ihr langes, glattes, nacktes Bein frei. Der neue Ausschnitt verlieh ihr eine wilde und kühne Ausstrahlung. Mit erhobenem Kopf schritt sie zurück ins Schlafzimmer.
Julian öffnete die Augen, und all sein dunkler Zorn war wie weggeblasen. Er starrte sie an, als hätte er einen Geist gesehen. Sein Mund öffnete sich einen kleinen Spalt vor lauter Schock. Das hässliche rosa Kleid war nun ein elegantes, dunkles Meisterwerk.
„Na“, fragte Maya und stemmte die Hände in die Hüften. „Sehe ich jetzt aus wie ein billiges, schmutziges Dienstmädchen?“
Julian schluckte schwer und richtete hastig seine teure, dunkle Krawatte.
„Du siehst akzeptabel aus“, log er mit tiefer, rauer Stimme. „Wir müssen gehen, bevor meine Mutter wieder einen Anfall bekommt.“
Er drehte sich schnell um, um sein hochrotes Gesicht zu verbergen. Maya schnappte sich eine kleine schwarze Tasche und folgte ihm. Sie gingen die große Treppe hinunter zur Eingangstür. Der Fahrer wartete draußen in dem dunklen, eleganten Wagen.
Die Fahrt zum riesigen Hotel dauerte dreißig angespannte Minuten. Julian schenkte sich im Auto ein Glas braunes Getränk ein. Er bot ihr ein Kristallglas an, aber sie lehnte ab. Sie brauchte einen klaren Kopf für die Party der Reichen und Snobs.
Der Wagen hielt vor einem hell erleuchteten Gebäude. Blitzlichter zuckten, als Julian schnell ausstieg. Er reichte Maya seine große Hand, um ihr herauszuhelfen. Sie ergriff seine warme Hand und betrat den roten Teppich. Die Menge staunte über ihr leuchtend dunkelrosa Kleid.
Julian zog sie für die Kameras eng an sich.
„Lächle und tu so, als würdest du mich lieben“, flüsterte er leise.
Maya zwang sich zu einem strahlenden Lächeln und lehnte sich an ihn. Sie betraten die riesige Halle, die von reichen Leuten bevölkert war. Kristalllichter hingen wie helle Sterne von der hohen Decke. Leise Musik untermalte das laute Stimmengewirr.
Maya spürte hundert stechende Blicke auf ihrem Gesicht. Sie hob das Kinn und schritt mit entschlossener Anmut. Julian führte sie zu einem großen Tisch in der Nähe des Eingangs. Seine Mutter saß dort in einem dunkelgrünen Seidenkleid.
Die ältere Frau sah Maya an, und ihre Augen weiteten sich. Sie erkannte den Stoff des hässlichen rosa Spitzenkleides.
„Was hast du mit diesem maßgeschneiderten Kleid angestellt?“, zischte sie.
Maya ließ sich in einen weichen Sessel fallen und lächelte strahlend.
„Ich habe ihm eine Seele eingehaucht“, sagte Maya mit sanfter Stimme. „Es war ziemlich langweilig, bevor ich die schlechten Nähte ausgebessert habe.“
Die Mutter sah aus, als hätte sie in eine saure Zitrone gebissen. Sie funkelte Julian mit purem Hass an.
„Du bringst dieses wilde Mädchen heute Abend zu unserem großen Ball. Du lässt sie ein eigens angefertigtes Kunstwerk zerstören. Du bist ein Narr, wenn du glaubst, sie passt hierher.“
Julian legte seine große Hand auf den runden Glastisch.
„Sie ist meine Wahl, und du wirst sie heute respektieren.“
Maya spürte ein seltsam warmes Gefühl in ihrer engen Brust. Er verteidigte sie gegen seine eigene gemeine Schlangenmutter. Ein großer Mann in einem grauen Anzug kam schnell herüber. Er klopfte Julian lachend auf den Rücken.
„Julian, du hast heute Abend eine umwerfende Begleitung zum Ball mitgebracht.“
Der Mann hatte glattes blondes Haar und dunkelbraune Augen. Julian richtete sich auf und funkelte den blonden Mann an.
„Das ist meine Verlobte Maya“, knurrte Julian. „Maya, das ist mein Geschäftsrivale Liam Thorne.“
Liam nahm Mayas kleine Hand und küsste ihre weichen Knöchel.
„Ein wunderschöner Name für eine wahre Verkörperung von Anmut. Wie hat Julian es bloß geschafft, eine Göttin zu einer Blitzhochzeit zu überreden?“
Maya lachte leise über seine schmeichelnden Worte.
„Das ist eine sehr lange und lustige Geschichte“, erwiderte sie.
Julian riss ihre Hand von dem lächelnden blonden Mann weg. Sein Griff war fest, und seine blauen Augen brannten.
„Wir sind beschäftigt, Liam“, warnte Julian mit kalter Stimme.
Liam hob beschwichtigend die Hände.
„Wir sehen uns später, Maya“, sagte Liam und ging.
Er verschwand mit einem finsteren Grinsen im Gesicht. Maya sah ihm nach, wie er in der Menge der Reichen verschwand. Julian knirschte mit den Zähnen.
Julian setzte sich und zog Maya an sich.
„Halt dich von ihm fern“, warnte er.
Die Mutter stand auf und klopfte mit ihrem Glas. Der laute Raum verstummte schlagartig.
„Gäste!“, rief sie. „Mein Sohn heiratet bald!“
Maya freute sich.
„Aber nicht sie!“, zischte die Mutter laut. „Bitte begrüßt seine wahre Braut!“
Die riesigen Türen flogen auf. Eine große, blonde Frau trat ein.
Julian keuchte vor Entsetzen.
„Chloe!“, flüsterte er fassungslos.
Maya starrte das hübsche blonde Gesicht an. Sie kannte diese blonde Frau aus ihrer Vergangenheit. Die Frau, die den Gang entlangschritt, war ihre beste Freundin.
Die Dunkelheit zwischen den Seiten war nicht leer. Sie war ein dichtes Dickicht aus alten Worten und aufgegebenen Handlungssträngen. Ich klammerte mich mit aller Kraft an den Pappdeckel des Buches. Meine Finger schmerzten von der Anstrengung.Die Welt draußen war jetzt still.Ich konnte das leise Geräusch von Atmen hören.Es war der Leser.Er saß irgendwo in einem Raum auf einem Stuhl, den ich nicht sehen konnte.Ich zog mich hoch und blickte über den Rand des Einbandes.Direkt neben meinem Kopf schnitt eine riesige Metallschere durch das Papier.Die Klinge bewegte sich mit ruhiger Entschlossenheit.Sie schnitt durch die Geschichte des Buches.Ich sah ganze Städte verschwinden.Ich sah Figuren, gegen die ich gekämpft hatte, sich in dünnen grauen Rauch auflösen.Die Person, die die Schere hielt, war nicht der Autor.Es war jemand anderes.Sie hatte blasse Hände und lange Ärmel, die ihr Gesicht verbargen.Sie räumte das Chaos auf.Sie schnitt alles Überflüssige aus der Geschichte heraus
Die Wand fühlte sich kalt unter meiner Handfläche an. Ich starrte auf die roten Buchstaben meines Namens. Es war nicht einfach nur Tinte. Sie sahen aus wie frische Wunden auf der Oberfläche der Barriere. Die rote Farbe tropfte langsam zum Boden hinab. Ich beobachtete, wie die Tropfen eine Pfütze aus Licht bildeten.Julian stand neben mir. Er streckte die Hand aus und berührte die Wand. Seine Finger hinterließen einen roten Fleck auf seiner Haut. Er zuckte nicht einmal zusammen. Er sah mich mit einer ruhigen Konzentration an, die ich nicht teilen konnte.„Wir sind wieder in der Schleife“, sagte er leise. „Die Tür war ein Trick. Der Strand war ein Trick. Alles, was wir für real halten, ist nur eine Methode, uns vorwärtszutreiben, bis uns die Kraft ausgeht.“Ein Anflug von Wut durchzuckte mich. Ich presste meine Hände gegen die Wand. Ich wollte sie durchbrechen. Ich wollte den Ort finden, an dem die Mauern endeten. Ich wollte den Raum jenseits der Geschichte sehen.„Ich bin müde“, sagte
Die Hand schmeckte nach Eisen und altem Papier. Ich biss so fest in die Haut, bis ich etwas Echtes und Warmes schmeckte. Ein Schrei zerriss den Himmel. Es war ein Laut, der die Sterne auf ihrer Bahn erzittern ließ.Die riesige Hand zuckte zurück.Ich wurde mitgerissen.Ich flog durch den dunklen Raum zwischen den Seiten. Der Wind peitschte mein Haar, und die kalte Luft brannte in meinen Lungen.Ich war keine Tinte.Ich war keine Figur.Ich war eine lebendige Frau, festgehalten von einer Macht ohne Gestalt.Die Hand schleuderte mich fort.Ich überschlug mich in der Luft und landete hart auf einem Boden aus poliertem Holz.Als ich aufblickte, erkannte ich den Raum sofort.Es war mein Schlafzimmer.Sonnenlicht strömte durch das Fenster.Die Nähmaschine summte auf dem Tisch.Alles sah normal aus, doch die Luft fühlte sich dünn und falsch an.Ich stand auf und ging zum Spiegel.Mein Gesicht sah müde aus, aber es war mein Gesicht.Ich berührte meine Lippen.Sie schmeckten noch immer nach Ei
Das Meer aus Tinte erhob sich und kam auf uns zu. Es war dickflüssig und roch nach altem Metall. Der Boden des Ladens fühlte sich an wie ein Floß aus Papier. Ich blickte auf die Schreibfeder, auf der wir standen. Sie war eine scharfe Stahlspitze, die über dem schwarzen Ozean schwebte.Julian war außerhalb des Glases. Er streckte die Hand nach mir aus, doch er konnte die Barriere nicht durchbrechen. Seine Finger hinterließen Frostspuren auf der Scheibe.Ich blieb still stehen und hielt den Stift fest.Der Geschäftsführer wartete auf meine Unterschrift. Seine Augen waren Löcher im Gewebe des Raumes.„Wenn du den Vertrag unterschreibst, behältst du ihn“, sagte er und zeigte auf Julian. „Er bleibt, wie er ist. Er bleibt ein Mensch. Er bleibt am Leben.“Ich sah auf den Vertrag. Die Worte auf dem Papier bewegten sich. Sie handelten nicht nur von Miete oder einem Ladenlokal. Sie sprachen von Blut und Atem. Sie sprachen von den Schulden, die meine Eltern hinterlassen hatten.Diese Schulden wa
Die weiße Leere drückte gegen meine Haut wie gefrierendes Glas. Der riesige Radiergummi ragte über mir auf, ein Block aus grauem Gummi so groß wie ein Berg. Er senkte sich mit einem leisen Zischen herab, das wie tausend sterbende Seufzer klang. Ich sah, wie Julian nach mir griff, doch sein Arm verwandelte sich in feinen weißen Staub, bevor er mich berühren konnte. Ich schrie, aber kein Laut kam heraus. Der Radiergummi löschte nicht nur meinen Körper aus. Er löschte meine Erinnerungen, meine Vergangenheit und jeden einzelnen Faden des Lebens, das ich aufgebaut hatte.Ich blickte auf die silberne Schere, die ich noch immer in der Hand hielt. Sie war das Einzige an diesem leeren Ort, das noch Farbe besaß. Die Klingen fingen das schwache Licht des verblassenden Himmels ein. Da wurde mir klar, dass der Radiergummi nur töten konnte, was er berührte. Wenn ich die Hand erreichen konnte, die ihn hielt, konnte ich vielleicht seine Bewegung stoppen. Doch die Hand war hinter Wolken aus weißem Sta
Das Licht der Lampe fühlte sich wie ein körperliches Gewicht auf meinen müden Augen aIch saß auf dem kalten Metallstuhl, meine Handgelenke waren von den Seilen wund gescheuerJulian stand im SchatteEr war nicht der Mann, der mich liebtEr war der Inspektor, der mich hinter Gitter bringen wolltEr ging im Raum auf und ab, seine Stiefel klickten auf dem harten BetonbodeJeder Schritt klang wie der Schlag eines Richters mit dem HammeEr blieb stehen und beugte sich über den TiscDer Geruch seines Kaffees war stark und bitte„Erzählen Sie mir von dieser Nacht“, sagte eEr nannte mich nicht MayEr nannte mich die VerdächtigIch blickte auf meine HändSie waren befleckIch wollte ihm sagen, dass es nur Tinte waIch wollte ihm von den Büchern, den Scheren und den Welten erzählen, die wie trockene Herbstblätter auseinanderfieleAber ich wusste, wie das klingen würdWie das Gerede eines Menschen, der den Verstand verloren haDas Gesetz kümmert sich nicht um Fäden aus Licht oder Autoren am Hi







