MasukDie letzte Woche vor dem Neumond verging in fieberhafter Vorbereitung. Die Armeen des Bundes trafen ein — Magnus mit fünfzig Grauwölfen, Seraphina mit dreißig Küstenwölfen, Maris und Doran mit ihren Kontingenten. Selbst Valeria schickte zwanzig Ordenskrieger, die am Rande des Dorfes lagerten, getrennt von den anderen, aber dennoch Teil der gemeinsamen Streitmacht.Das Dorf, das sonst so ruhig am See lag, war zu einem Heerlager geworden. Überall wurden Waffen geschärft, Rüstungen geprüft und Schlachtpläne studiert. Und mittendrin, in einem kleinen Haus am Waldrand, saßen vier junge Wölfe und schmiedeten ihren eigenen Plan.Aurora, Kael, Maya und Darian trafen sich jeden Abend, um ihre Strategie zu verfeinern. Sie wussten, dass die Erwachsenen ihren Plan kannten — Lily hatte darauf bestanden, Jake einzuweihen, und Jake hatte widerwillig zugestimmt —, aber sie wussten auch, dass die endgültige Ausführung bei ihnen liegen würde.„Morgen ist Neumond", sagte Aurora an diesem Abend. „Morgen
Der Neumond rückte näher, und mit ihm die Vorbereitungen für die Konfrontation mit der Bergwacht. Doch während die Erwachsenen Kriegsräte abhielten und Strategien schmiedeten, hatten Aurora, Kael, Maya und Darian ihre eigenen Pläne.Es war Maya, die das Treffen einberief. An einem kühlen Abend, als die Sonne gerade hinter den Bäumen versank, versammelte sie die anderen drei am Seeufer, fernab von den Ohren der Erwachsenen.„Wir müssen reden", sagte sie ohne Umschweife. „Über das, was wirklich passiert, wenn die Bergwacht kommt."„Was meinst du?", fragte Kael.„Ich meine, dass die Erwachsenen einen Krieg planen. Einen Krieg, den wir vielleicht gewinnen, aber mit vielen Verlusten." Maya sah in die Runde. „Ich habe in den Sümpfen gelernt, dass es manchmal einen dritten Weg gibt. Nicht kämpfen und nicht aufgeben. Sondern etwas anderes."Darian beugte sich vor. „Was für einen dritten Weg?"„Morwen vertraut dir nicht, Darian. Aber sie kennt dich seit deiner Kindheit. Sie hat dich unterricht
Die Tage vergingen, und die Spannung im Dorf wuchs. Boten waren zu allen Rudeln des Bundes geschickt worden, und nach und nach trafen Antworten ein. Magnus versprach fünfzig Krieger, Seraphina dreißig, Maris und Doran jeweils zwanzig. Selbst Valeria, die Anführerin des reformierten Ordens der Asche, schickte eine kurze Nachricht: Wir stehen zu unserem Waffenstillstand. Wenn die Bergwacht angreift, kämpfen wir an eurer Seite.Doch bevor die Armeen eintrafen, bevor es zu einer offenen Konfrontation kam, gab es noch etwas, das Lily herausfinden musste. Die Schamanin der Bergwacht. Ihre Macht. Ihre Schwächen.An einem kühlen Herbstmorgen versammelte sie die klügsten Köpfe des Rudels in der Bibliothek der großen Halle. Elara, Selene, Viktor und Darian saßen um einen großen Eichentisch, auf dem alte Schriftrollen und Karten ausgebreitet waren. Aurora und Kael standen an der Seite, beide mit ernsten Gesichtern.„Erzähl mir mehr über die Schamanin", sagte Lily zu Darian. „Alles, was du weißt.
Stille legte sich über die Halle. Darians Worte hingen schwer in der Luft.„Dein Vater?", wiederholte Jake ungläubig. „Dein eigener Vater hat dich verflucht?"„Er ist nicht nur mein Vater. Er ist der Alpha der Bergwacht." Darians Stimme war bitter. „Und er sieht den Bund der Fünf als Bedrohung. Er glaubt, dass die alten Traditionen rein bleiben müssen — keine Vermischung mit anderen Rudeln, keine Zusammenarbeit, keine Öffnung nach außen. Als ich begann, von Aurora zu träumen und von der Silberwölfin zu sprechen, sah er das als Verrat."„Also hat er dich verflucht?", fragte Aurora entsetzt.„Nicht direkt. Er hat unsere Schamanin beauftragt. Sie hat den Fluch auf mich gelegt, um meine Verbindung zur Geisterebene zu unterbrechen. Um mich von dir abzuschneiden." Darian sah Aurora an. „Es hat nicht funktioniert. Die Träume wurden stärker, nicht schwächer. Also bin ich geflohen."Lily trat zu ihm und legte ihre Hand auf seine Schulter. „Du hast einen weiten Weg auf dich genommen, um Hilfe z
Der nächste Morgen begann früh. Lily, Elara und Selene versammelten sich im Gästehaus, um Darians Wunde zu behandeln. Der junge Mann lag auf einem Bett, sein Arm entblößt, die schwarzen Linien des Fluches hatten sich in der Nacht weiter ausgebreitet und krochen jetzt bis zu seiner Schulter. „Es wird schlimmer", stellte Elara fest. „Der Fluch reagiert auf deine Anwesenheit, Lily. Er spürt die silberne Magie und wehrt sich." „Dann müssen wir schnell handeln." Lily setzte sich neben Darian und legte ihre Hände auf seinen Arm. „Das wird wehtun", warnte sie. „Der Fluch wird sich nicht kampflos lösen lassen." „Ich habe Schlimmeres ertragen", sagte Darian, aber seine Stimme war angespannt. Aurora stand in der Ecke des Raumes und beobachtete. Sie hatte darauf bestanden, bei der Heilung dabei zu sein, obwohl ihre Mutter zunächst gezögert hatte. „Wenn er aus meinen Träumen kommt, will ich verstehen, was mit ihm geschieht", hatte sie gesagt, und Lily hatte schließlich nachgegeben. Jetzt sa
Drei Tage nach Kaels Kampf gegen Maya geschah etwas, das Auroras Welt verändern sollte.Es war ein kühler Morgen, und der Nebel hing noch über dem See, als die Wachen am Nordtor Alarm schlugen. Nicht den Alarm für einen Angriff, sondern das Signal für einen unbekannten Besucher — einen einzelnen Wanderer, der aus den östlichen Bergen kam.Aurora, die gerade mit ihrer Mutter in der Schule arbeitete, spürte es sofort. Ein Ziehen in ihrer Brust, ein silbernes Pulsieren, das sie nur einmal zuvor gespürt hatte — in ihren Visionen.„Mama", flüsterte sie. „Er ist hier."Lily sah ihre Tochter an und verstand sofort. „Der Junge aus deinen Träumen?"„Ich weiß es nicht. Aber irgendetwas... ruft mich."Sie eilten zum Nordtor, wo sich bereits eine kleine Menge versammelt hatte. Jake stand mit Kian und Lena am Tor, und vor ihnen, allein und zu Fuß, stand ein junger Mann.Er war etwa sechzehn Jahre alt, groß und breitschultrig, mit dunklem Haar, das ihm in die Stirn fiel. Seine Kleidung war die eine
Jake hielt Lily noch eine Weile in seinen Armen. Sie spürte seinen starken Herzschlag an ihrer Wange. Für einen Moment vergaß sie alles – die Angst, die Werwölfe, die Gefahr. Es fühlte sich einfach nur richtig an.Dann löste sie sich vorsichtig von ihm. Ihre Wangen waren rot.„Danke“, murmelte sie.
Lily saß noch lange im Wohnzimmer und starrte ins Feuer. Die Flammen tanzten ruhig, aber in ihrem Kopf drehte sich alles. Werwölfe. Gefährtenbund. Mond. Jake. Das alles klang wie eine verrückte Geschichte aus einem Buch. Aber sie war hier. In einem fremden Haus. In einem Dorf, das auf keiner Karte
Lily versuchte erneut, ihren Arm aus Jakes Griff zu befreien. Seine Finger waren warm und stark, aber sie taten ihr nicht weh. Trotzdem hatte sie große Angst. „Lass mich los!“, sagte sie laut. „Ich will nach Hause!“ Jake schaute sie nur an. Seine goldenen Augen leuchteten im Mondlicht. Er antwor
Der Regen fiel gleichmäßig in Blackthorn Hollow. Er kam leise und grau vom Himmel und machte die alten Bäume dunkel und nass. Lily Morgan hielt das Lenkrad fest, während sie die schmale Straße hinauf fuhr. Sie war sechsundzwanzig Jahre alt und kehrte nach sechs langen Jahren in die Hütte ihrer Groß






