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Was ich mir wert bin
Was ich mir wert bin
Author: Vic Valentina

Kapitel 1 – Michelle

last update publish date: 2026-06-23 16:48:10

Die Heizung machte wieder dieses Geräusch. Ein leises Klopfen, fast wie ein Herzschlag, der nicht ganz im Takt war. Ich hatte mich längst daran gewöhnt, so wie an vieles in dieser Wohnung – an das Fenster, das nur einen Spalt weit aufging, an den Fleck an der Decke, der aussah wie ein Kontinent auf einer Landkarte, die niemand je gezeichnet hatte. Ich nannte ihn insgeheim Atlantis. Es klang besser als "Wasserschaden, den ich mir nicht leisten kann zu reparieren."

Draußen war es bereits dunkel, obwohl es gerade erst sechs war. November in dieser Stadt bedeutete: Die Sonne ging schlafen, bevor irgendjemand überhaupt richtig wach geworden war. Ich hatte eine Lichterkette um das Fensterbrett gewickelt – fünf Euro im Sale, aber wenn sie brannte, sah meine Küchenecke aus wie aus einem dieser Filme, in denen jemand gerade dabei ist, sich neu zu verlieben. Kleine Lüge, die ich mir selbst erzählte. Aber eine schöne.

Ich rührte in meiner Nudelsuppe – die mit dem Hühnchen-Geschmack, der eigentlich nach gar nichts schmeckte, aber für 39 Cent durfte man nicht meckern – und öffnete mit der freien Hand die Banking-App. Kontostand: 213,47 Euro. Noch elf Tage bis zum Gehalt.

„Du schaffst das", sagte ich zu mir selbst, so wie ich es jeden Monat tat, ungefähr um diese Zeit, ungefähr mit diesem Tonfall, der zwischen Motivation und Galgenhumor schwankte.

Mein Handy leuchtete auf. Eine Nachricht von Sophie.

Sophie: Und? Wie wars mit Tinder-Tom??

Ich seufzte und tippte mit einer Hand, während ich mit der anderen weiterrührte.

Ich: Er hat die ganze Zeit über seinen Crossfit-Coach geredet. Ich glaube, er war eigentlich in IHN verliebt, nicht in mich.

Sophie: OMG. Hat er wenigstens bezahlt?

Ich: Wir haben uns die Rechnung geteilt. Für einen Aperol, den ich nicht mal wollte.

Sophie: Michelle. Das ist offiziell der schlechteste Mann seit dem Typen, der dir seine Steuererklärung zeigen wollte als „erstes Date-Highlight".

Ich musste lachen, trotz allem. Das war das Gute an Sophie – sie schaffte es immer, aus einer Enttäuschung eine Anekdote zu machen, die man später erzählen konnte, ohne dass es wehtat. Sie war die einzige Konstante in meinem Leben, seit der Schulzeit, durch jeden Umzug, jeden Job, jede Trennung. Manchmal fragte ich mich, was ich ohne sie getan hätte. Wahrscheinlich würde ich gerade allein in meiner Küche stehen und mich selbst bemitleiden. Stattdessen lachte ich über Steuererklärungen.

Ich: Ich glaube langsam, ich bin einfach nicht gemacht für das hier.

Sophie: Für Dating? Oder für Männer mit Crossfit-Obsessionen?

Ich: Für... beides? Keine Ahnung. Ich seh's einfach nicht. Das, was andere sehen sollen, wenn sie mich anschauen.

Ich bereute den Satz, sobald ich ihn abgeschickt hatte. Zu ehrlich für einen Dienstagabend. Aber Sophie antwortete nicht mit einem Spruch. Stattdessen kam ein einzelnes Herz, und dann:

Sophie: Du siehst mehr, als du denkst. Die anderen sind nur zu blöd, es zu merken.

Ich starrte eine Sekunde zu lange auf den Bildschirm. Manchmal reichte ein Satz von der richtigen Person, um den ganzen Abend ein bisschen leichter zu machen. Nicht reparieren. Nur leichter.

Ich stellte die Suppe ab, wickelte mich in die Decke vom Sofa – die mit dem Loch, das ich mit einem Patch in Herzform geflickt hatte, weil ein normaler Flicken mir zu trist gewesen wäre – und scrollte durch mein Handy, ohne wirklich etwas zu suchen. So wie man es eben tut, wenn der Abend zu lang und die Wohnung zu still ist.

Mein Spiegelbild im dunklen Display erinnerte mich kurz daran, wie ich aussah, wenn ich nicht aufpasste: müde Augen, Haare, die ich seit dem Aufstehen nicht mehr angefasst hatte. Ich schob den Gedanken weg, so wie ich es immer tat. Es gab Wichtigeres. Zum Beispiel die Frage, ob ich mir bis zum Gehalt noch ein zweites Mal Nudelsuppe leisten konnte, oder ob ich auf die Reste vom Wochenende zurückgreifen musste.

Ich öffnete I*******m, mehr aus Gewohnheit als aus Interesse. Bilder von Leuten, die gerade in irgendwelchen warmen Ländern am Strand saßen, während ich hier mit einer Heizung kämpfte, die klang, als hätte sie ein eigenes, unglückliches Leben. Ich klickte weiter, ohne hinzusehen, bis ein Name in der „Personen, die du kennen könntest"-Leiste mein Scrollen abrupt stoppte.

Paul Hartensteiner.

Mein Daumen blieb über dem Bildschirm hängen.

Ich kannte diesen Namen. Hatte ihn seit – wie lange war das jetzt her? Fünfzehn Jahre? Mehr? – nicht mehr gehört, aber er war sofort da, wie ein Lied, das man jahrelang nicht gehört hat und trotzdem jede Zeile mitsingen kann. Paul. Der Junge aus der Nachbarschaft, mit dem ich als Kind stundenlang auf dem Spielplatz gegenüber gesessen hatte, bevor seine Familie in eine andere Welt umgezogen war – eine, die mit Villen und Nachnamen zu tun hatte, die in der Zeitung standen.

Ich tippte auf das Profilbild, bevor ich mich dagegen entscheiden konnte.

Es lud einen Moment zu lange. Dann erschien er.

Älter natürlich. Aber das Gesicht – dieses Lächeln, das ich aus einer Kindheitserinnerung sofort wiedererkannte, nur jetzt eingerahmt von einem makellos sitzenden Anzug, auf einem Bild, das aussah, als wäre es für ein Magazin gemacht worden, nicht für ein Telefon. Mein Finger zögerte über dem kleinen blauen Knopf, der „Folgen" sagte.

Ich legte das Handy weg, ohne zu klicken. Dann nahm ich es wieder hoch.

Manche Türen, dachte ich, klopfen einfach von selbst an, egal wie lange sie verschlossen waren.

Ich klickte auf „Folgen". Und genau in diesem Moment – als hätte das Universum nur auf dieses eine Klicken gewartet – leuchtete eine neue Benachrichtigung auf.

Paul Hartensteiner hat begonnen, dir zu folgen.

Mein Herz machte etwas, das ich seit sehr langer Zeit nicht mehr gespürt hatte.

 

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