LOGINDie Kälte traf sie wie ein Schlag, sobald die Tür hinter ihr ins Schloss fiel.
Bryn blieb einen Moment stehen, ließ ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen, spürte den gefrorenen Boden durch die dünnen Sohlen ihrer Stiefel. Über ihr spannte sich ein Himmel voller Sterne, kälter und schärfer als in der Nacht zuvor, und ihr Atem stieg in dichten weißen Wolken auf, die der Wind sofort zerriss. Sie warf einen letzten Blick zurück. Rangvik lag da, wie es immer dalag — die grasbewachsenen Dächer, dunkel und rund wie schlafende Tiere, der schwache Schimmer letzter Glut, der durch ein, zwei Rauchlöcher drang, das Meer dahinter, schwarz und ruhig unter dem Sternenlicht. Sie sah das Langhaus, in dem Ingrid und Gunnhild schliefen, ahnungslos oder auch nicht — sie würde es nie erfahren, ob ihre Schwester etwas gehört hatte in dieser Nacht. Sie sah den Übungsplatz, den Pfahl, den sie tausendmal getroffen hatte, jetzt nur ein dunkler Schatten im Sternenlicht. Zum ersten Mal in ihrem Leben gehörte dieser Ort nicht mehr zu ihr, und sie nicht mehr zu ihm. Sie drehte sich um und ging. Die ersten Stunden waren die schwersten, nicht wegen der Gefahr — die kam später, das wusste sie —, sondern wegen der schieren Kälte. Der Pfad, der aus dem Tal hinausführte, war ihr vertraut bei Tageslicht, aber im Dunkeln verwandelte sich jeder Stein, jede Wurzel in eine Falle, die nach ihren Knöcheln griff. Zweimal stolperte sie, einmal fiel sie ganz, schlug sich die Handfläche an einem Felsen auf, spürte das warme Rinnsal von Blut, das sofort in der Kälte zu kleben begann. Sie presste die Wunde gegen ihren Umhang und ging weiter. Der Wald begann kurz nach dem ersten Höhenzug, dunkel und dicht, Fichten, die sich im Wind gegeneinander rieben mit einem Geräusch wie fernes Flüstern. Der Geruch von Harz und feuchtem Moos ersetzte den vertrauten Rauch- und Salzgeruch des Dorfes, und mit jedem Schritt tiefer hinein spürte Bryn, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog — nicht Reue, das nicht, aber etwas Verwandtes: die Erkenntnis, wie klein sie war, allein, in einer Welt, die nicht wusste und nicht kümmerte, wer sie war oder wessen Tochter. Ein Schwert kämpft nicht. Du kämpfst. Sie sagte es sich vor wie ein Gebet, während sie sich zwischen den Bäumen hindurchschob, eine Hand am Griff des Saex, obwohl sie wusste, dass eine Klinge gegen Kälte und Erschöpfung nichts ausrichtete. Gegen Morgengrauen, als der Himmel im Osten gerade erst begann, sich von Schwarz zu einem tiefen, kalten Grau zu wandeln, fand sie eine Felsspalte, geschützt vor dem schlimmsten Wind, und erlaubte sich, für ein, zwei Stunden die Augen zu schließen, den Rücken gegen kalten Stein gepresst, das Messer griffbereit auf den Knien. Sie erwachte von einem Geräusch, das nicht in den Wald gehörte. Kein Tier. Kein Wind. Etwas Rhythmisches, Metallisches, das von weiter unten im Tal heraufdrang, aus einer Richtung, die nicht Rangvik war — und als sie sich vorsichtig aufrichtete, zwischen den Felsen hindurchspähte, sah sie es: einen schwachen, flackernden Lichtschein, tief zwischen den Bäumen, dort, wo eigentlich niemand ein Feuer hätte entzünden sollen, nicht um diese Stunde, nicht an diesem Ort. Ihre Hand schloss sich fester um den Griff des Messers. Sie wusste nicht, ob das, was dort unten wartete, Gefahr bedeutete oder etwas anderes. Aber sie wusste, dass es keinen Weg mehr zurück gab — nur den Weg, der jetzt vor ihr lag, tiefer in eine Welt hinein, die sie noch nicht kannte. Sie erhob sich, lautlos, und bewegte sich auf das Licht zu.Die Kälte traf sie wie ein Schlag, sobald die Tür hinter ihr ins Schloss fiel.Bryn blieb einen Moment stehen, ließ ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen, spürte den gefrorenen Boden durch die dünnen Sohlen ihrer Stiefel. Über ihr spannte sich ein Himmel voller Sterne, kälter und schärfer als in der Nacht zuvor, und ihr Atem stieg in dichten weißen Wolken auf, die der Wind sofort zerriss.Sie warf einen letzten Blick zurück.Rangvik lag da, wie es immer dalag — die grasbewachsenen Dächer, dunkel und rund wie schlafende Tiere, der schwache Schimmer letzter Glut, der durch ein, zwei Rauchlöcher drang, das Meer dahinter, schwarz und ruhig unter dem Sternenlicht. Sie sah das Langhaus, in dem Ingrid und Gunnhild schliefen, ahnungslos oder auch nicht — sie würde es nie erfahren, ob ihre Schwester etwas gehört hatte in dieser Nacht. Sie sah den Übungsplatz, den Pfahl, den sie tausendmal getroffen hatte, jetzt nur ein dunkler Schatten im Sternenlicht.Zum ersten Mal in ihrem Leben gehört
Etwas war anders an Bryn, und Ingrid brauchte den halben Morgen, um herauszufinden, was.Es war nichts, das man mit Worten hätte fassen können — ihre Schwester saß am Frühstückstisch wie immer, aß ihren Brei wie immer, schwieg wie immer, wenn Gunnhild etwas sagte, das keine Antwort verlangte. Und doch war da eine Ruhe in ihr, die nicht zu der Bryn passte, die noch gestern die Tür hinter sich hatte zufallen lassen, dass die Wand gezittert hatte. Es war die Ruhe eines Menschen, der einen Entschluss gefasst hatte, dachte Ingrid, während sie den Teig für das Brot knetete, ihre Hände tief im klebrigen Mehl vergraben. Nicht die Ruhe von jemandem, der aufgegeben hatte.Sie bemerkte es zuerst am Vorratsschuppen — eine Lücke im Fischbündel, wo gestern noch mehr gehangen hatte, ein Stück Käse, das fehlte, obwohl niemand es gegessen zu haben schien. Kleine Dinge. Dinge, die nur jemand bemerken würde, der jeden Winkel dieses Hauses so genau kannte wie Ingrid, seit sie alt genug gewesen war, um be
Der Schlaf kam nicht, und Bryn hatte aufgehört, ihn zu suchen.Sie lag auf ihrer Bank, den Umhang bis zum Kinn gezogen, und lauschte den Geräuschen des Langhauses in der Nacht — das Knistern der letzten Glut, das Rascheln von Stroh, wenn sich jemand im Schlaf drehte, das leise, gleichmäßige Atmen ihrer Schwester zwei Bänke weiter. Irgendwo hinter der Trennwand blökte eine Ziege, kurz und unwillig, und verstummte wieder. Draußen strich der Wind ums Dach, fuhr in Böen durch das Rauchloch, sodass die letzte Glut kurz aufflackerte und Schatten über die geschwärzten Balken warf.Sie dachte an Gunnhilds Worte, drehte sie wieder und wieder, wie man einen Stein in der Hand dreht, um zu sehen, ob er unter jedem Winkel gleich hart bleibt. Dein Vater ist tot. Es klang nicht wahrer, egal wie oft sie es sich vorsagte. Es klang nur wie das, was Gunnhild brauchte, damit es wahr würde.Irgendwann, als das Feuer fast erloschen war und selbst das Atmen der anderen ruhig und tief genug klang, schwang si
Die Wolle war noch fettig von der Schafschur, und Ingrid mochte diesen Geruch — ranzig und warm zugleich, nach Tier und nach etwas, das noch werden wollte. Sie zog den Faden zwischen den Fingern, drehte die Spindel mit einer Bewegung, die ihr die Großmutter beigebracht hatte, lange bevor sie sterben würde, und beobachtete, wie sich der graue Rohfaden zu etwas Gleichmäßigem, Brauchbarem verdichtete. Ihre Finger waren rissig wie die jeder Frau in Rangvik, aber auf eine andere Art als Bryns — nicht von Waffen gehärtet, sondern von Nadel, Spindel und der ständigen Nähe zum Feuer.Draußen, durch die schmale Ritze neben der Tür, hörte sie das ferne Klacken von Holz auf Holz — Bryn, die wieder einmal den armen Übungspfahl malträtierte, seit dem Morgengrauen schon, obwohl der Frost ihr die Finger blau färben musste. Ingrid verstand das nicht ganz, hatte es nie ganz verstanden, aber sie liebte ihre Schwester trotzdem, so wie man jemanden liebt, dessen Wut man nicht teilt, aber dessen Schmerz m
Der Holzpfahl ächzte, als die Klinge ihn traf.Bryn zog das Saex zurück, spürte das raue Leder des Griffs unter ihren Fingern, die Kerben, die ihre eigene Hand dort über zwei Jahre hineingearbeitet hatte. Sie drehte die Hüfte, schlug erneut zu — tiefer diesmal, dorthin, wo ein Mann seine Rippen trug. Splitter flogen ihr gegen die Wange. Ihr Atem ging schnell, weiße Wolken in der Morgenluft, die sich mit dem Rauch vermischten, der aus einem Dutzend Dächern über Rangvik aufstieg.Tiefer den Schwerpunkt. Halfdans Stimme, so klar, als stünde er noch neben ihr, die Hand auf ihrem Handgelenk, korrigierend. Ein Schwert kämpft nicht. Du kämpfst. Das Schwert folgt nur.Sie schlug ein drittes Mal zu, und diesmal splitterte der Pfahl so heftig, dass ein Stück Holz gegen ihr Schienbein flog. Sie zuckte nicht. Ein paar Strähnen ihres dunkelblonden Haares, straff zum Kampfzopf geflochten, hatten sich gelöst und klebten ihr schweißnass an der Stirn — dasselbe Haar, sagte man ihr manchmal, das ihre M







